Sebastian ist pünktlich zum Treffpunkt vor einem Café in der Leipziger Innenstadt gekommen. Die blaue Rauchwolke einer E-Zigarette umhüllt den 34-Jährigen; auf seinem schwarzen Kapuzenpullover ist ein Herzfrequenzverlauf wie bei einem EKG zu sehen. Auf der Rückseite des Sweatshirts steht schlicht "Leipzig". Das Motiv, sagt Sebastian, sei einer Stadion-Choreografie entlehnt: Zum Duell gegen Hansa Rostock 2013 hatten die Anhänger von RB Leipzig gedichtet und illustriert: "Das Herz der Kurve schlägt im Takt / allein nur für die Messestadt."

Das passt gut zum Thema des Interviews, denn Sebastian ist mit jeder Menge Herzblut, Leidenschaft und Rhythmus Fan von Rasenballsport Leipzig. Er ist im Fanblock einer der Vorsänger – Capo wird das in der Ultraszene genannt. So steht Sebastian bei jedem Heimspiel auf dem Podest über dem Marathontor im Stadion, stimmt Fangesänge an oder animiert zum Mitsingen. Sebastian war bereits beim ersten Pflichtspiel von RB Leipzig 2009 dabei und hat seitdem nur wenige Heimauftritte verpasst. Auch auswärts ist er seit den Anfangstagen regelmäßig am Start, wenn es sein Job zulässt – einer der Fan-Pioniere von Rasenballsport.

Dennoch ist es ihm wichtig zu betonen, dass er nicht für die gesamte Fanszene spricht – dafür sei diese viel zu heterogen –, sondern die Entwicklung aus seiner Sicht darstellt. Im Interview spricht der gebürtige Leipziger über die Faszination, die der Klub auf ihn ausübt, die Entwicklung und das Selbstverständnis der Fanszene von RB und über Kritik am Verein.

Frage: Sebastian, Nick Hornby schreibt: "Seinen Verein kann man sich nicht aussuchen, der Verein sucht dich aus." Bei dir war das anders, du warst bereits Ende 20, als RB Leipzig gegründet wurde. Warum hast du dir diesen Verein ausgesucht?

Sebastian: Ich habe 2007 und 2008 in Österreich gearbeitet und bin damals mit einem Arbeitskollegen zu Red Bull Salzburg gefahren. Die Marke Red Bull hatte mich schon vorher interessiert, da ich früher selbst Mountainbike gefahren bin und mich für die Downhillszene begeistert habe, wo Red Bull als Sponsor auftrat. Red Bull Salzburg bekam jedenfalls damals eine richtige Klatsche, verlor 0:7 gegen Rapid Wien. Danach war ich trotzdem noch ein-, zweimal im Stadion und habe den Verein weiter im Fernsehen verfolgt.

Frage: Weshalb hat dich eine 0:7-Heimpleite so angefixt?

Sebastian: Es war die Stimmung und das ganze Drumherum, das mich beeindruckt hat. Auch wegen der Rapid-Fans. Ich war danach auch mal in Wien im Stadion. Als ich dann wieder zurück nach Leipzig ging und hörte, dass Red Bull hier einsteigen will, habe ich das erst einmal nicht so richtig geglaubt. Aber als das tatsächlich real wurde, war ich 2009 natürlich beim ersten Pflichtspiel dabei, dem Pokalspiel gegen Blau-Weiß Leipzig. Zunächst war ich Interessierter, zu behaupten, dass ich von der ersten Sekunde an als Fan mitgefiebert habe, wäre Quatsch. Ich habe mir das Ganze erst einmal angeschaut, habe schnell Feuer gefangen und bin danach zu jedem Heimspiel gegangen.

Frage: Wie muss man sich das erste Pflichtspiel vor 2.321 Zuschauern im Stadion am Bad vorstellen? Gab es überhaupt schon Fans, die die Mannschaft mit Gesängen unterstützt haben?

Sebastian: Damals konnte man noch nicht von einer Fanszene sprechen. Die meisten Zuschauer waren neugierig und wollten mal schauen. Die ersten Sprechchöre und Gesänge haben sich nach den ersten Spielen entwickelt. Fanartikel haben anfangs die ersten beiden Fanklubs L.E. Bulls und Bulls Club, auf deren Fundament dann die weiteren Fanklubs gewachsen sind, selbst produziert. Die haben beispielsweise Schals und T-Shirts bedrucken lassen, rotweiße Fahnen haben wir selbst gebastelt.

Frage: Wie haben sich die ersten Fans zusammengefunden?

Sebastian: Das war faszinierend. Die ersten aktiven RB-Fans haben sich auf der Gegengeraden im Markranstädter Stadion versammelt, weil die Tribünenplätze teurer waren. Da sind dann Leute zusammengekommen, die sich kannten oder früher zu anderen Vereinen gegangen waren — eine gute Mischung, in der ersten Saison etwa 150 Leute. Da hat dann einfach jemand ein Lied angestimmt, und die anderen haben eingestimmt oder eben nicht. 

Frage: Hat es dich bewusst gereizt, beim recht exklusiven Vorgang der Entstehung einer schnell wachsenden Fanszene dabei zu sein?

Sebastian: Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Mich hat einfach der Fußball als definiertes Hobby in seinen Bann gezogen. Mit der Unterstützung einer Mannschaft ist es doch wie bei einem guten Buch: Wenn man einmal angefangen hat, will man wissen, wie es weitergeht. Da will man am liebsten gar nicht mehr aufhören zu lesen. So ist es beim Fußball auch.

Frage: Wann hast du die Initiative ergriffen und dich als Capo auf den Zaun gestellt?

Sebastian: Das war am fünften Spieltag der ersten Regionalligasaison 2010/11, als der 1. FC Magdeburg nach Leipzig kam. Da haben wir uns gedacht: Puh, jetzt kommt der 1. FCM, die haben es drauf. Da ich ein sehr lautes Organ habe, habe ich mich auf die Sitzschalen im Stadion gestellt und die Lieder angesungen — damals noch ohne Megafon. Für die etwa 500 aktiven Fans hat meine bloße Stimme ausgereicht. Wenn wir Fangesänge gesungen haben, war meine Stimme eh immer sehr markant.

Frage: Die ersten Fans von RB rekrutierten sich einerseits aus Leuten, die noch nie Fan eines Fußballklubs waren; andererseits aus Anhängern, die zuvor andere Vereine hatten. Weshalb haben sich Fans anderer Leipziger Vereine RB zugewandt?

Sebastian: Viele Leute, die vorher andere Leipziger Vereine hatten, kamen mit dem Argument zu Rasenballsport, dass es in ihren alten Klubs zu viele Streitigkeiten gab, sodass sie sich irgendwann enttäuscht abgewendet haben. RB hingegen steht für Kompetenz. Jeder, der die Marke Red Bull kennt, weiß, dass da absolute Profis am Werk sind, die wissen, was sie tun und wie man langfristig plant. Es gab in Leipzig einfach die Sehnsucht nach Professionalität, die man hier viele Jahre vermisst hat. Die hat Rasenballsport gestillt.

Frage: Weshalb haben dich als Kind und Jugendlicher weder Lok beziehungsweise VfB noch Chemie fasziniert?

Sebastian: Mein erstes Spiel im Stadion habe ich als Kind im alten Zentralstadion erlebt: VfB Leipzig gegen Borussia Dortmund (der VfB verlor vor 18.000 Zuschauern 2:3, Anm. d. Autors). Viele Abschnitte in der riesigen Schüssel waren wegen Baufälligkeit gesperrt. Daraus hat sich damals bei mir nichts entwickelt. Aber ich verstehe gut, dass gerade die älteren Semester, die damals den VfB unterstützt haben oder noch zu DDR-Zeiten die legendären Lok-Spiele erlebt haben, diese Momente jetzt mit RB wieder feiern wollen. Wer weiß, welche Emotionen Fußball hervorrufen kann und welche Erfolge es hier in Leipzig schon gab, will das einfach wieder erleben.

Frage: Wie seid ihr mit dem omnipräsenten Protest gegen RB umgegangen?

Sebastian: Dass es Protest gab und gibt, ist aus meiner Sicht normal und auch nicht verwerflich. Da werden schließlich auch Punkte angesprochen, mit denen man sich auseinandersetzen kann und muss. Durch konstruktive Kritik wächst man. Aber nur plump nachzuplappern, dass RB scheiße ist, ist mir zu wenig. Der Mannschaft schlug gerade anfangs vielerorts Hass entgegen.

Frage: Wie extrem habt ihr das als Fans bei Auswärtsreisen wahrgenommen?

Sebastian: In Fanforen wurde regelmäßig angekündigt, dass man uns umboxen will. Es gab zwar auch kleinere Übergriffe, das Auswärtsspiel in Lübeck fällt mir da spontan ein. Das Potenzial ist natürlich gegen uns höher als bei anderen Vereinen, irgendwelche Aktionen zu starten. Aber wir hatten immer so viel Polizeischutz — wirklich viel ist da nicht passiert. Pöbeleien gab und gibt es natürlich immer, aber das ist für mich nicht weiter schlimm. Ich weine mich deswegen ganz sicher nicht in den Schlaf. Wobei man aber auch sagen muss, dass es schon besser geworden ist. Wir sind mittlerweile angekommen.
Man arrangiert sich.

Frage: Vielleicht auch ein wenig, weil eure Szene ein ironisches Selbstverständnis entwickelt hat?

Sebastian: Wir sind eben anders, Selbstironie ist ein gutes Mittel. Wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, nimmt man den anderen auch den Wind aus den Segeln. Wenn die Gegner "Scheiß Red Bull" schreien, dann rufen wir das eben auch. Dann verstummen die Sprechchöre der anderen Fans meist sehr schnell.

Frage: Wie sind ironische Lieder und Texte wie "Wir sind Schweine, rote Bullen-Schweine, wir zahlen keinen Eintritt und trinken Champagner statt Bier" entstanden?

Sebastian: Da gibt es keine Liederkommission oder Ähnliches. Wir haben einfach viele kreative Köpfe in der Fanszene — egal, ob organisiert oder nicht. Ich bekomme viele Nachrichten per Mail oder Facebook, in denen mir die Fans neue Lieder vorschlagen. Die Lieder, die ich selber ganz gut finde, probieren wir zuerst auswärts und schauen, ob die Leute die Songs annehmen oder nicht. Aktuell haben wir zum Beispiel ein neues Lied: "Vorwärts Rasenball" zur Melodie von "Give it up" von KC & The Sunshine Band. Das ist spontan in Braunschweig entstanden und gerade einer der beliebtesten Gesänge. Manchmal stimmen die Leute neue Lieder auch aus ihrer Gruppe heraus an, und ich versuche dann, den Text schnell aufzunehmen und die anderen zu animieren.

Frage: Vor dem Spiel gegen Hansa Rostock in der 3. Liga habt ihr Liedzettel im Fanblock verteilt. Das sorgte für Häme.

Sebastian: Wir haben da einfach mal mehrere Lieder zusammengestellt, wollten auch neuen Leuten etwas Textsicherheit verschaffen. Das wurde dann aufgebauscht und als lächerlich abgestempelt, obwohl es das in anderen Fanszenen genauso gibt. Das ist aber aus meiner Sicht überhaupt nichts
Verwerfliches.