Eine neue Geschichte aus dem Sport: In der Wand des düsteren Labors in Russland ist ein Loch, kaum größer als eine Faust. Durch sie greift nachts eine Hand, tauscht Flakons mit trüber Flüssigkeit aus. In der nächsten Szene verabreicht ein Mann im weißen Kittel hochprozentige Cocktails, mit Whisky für die Männer, mit Martini für die Frauen.

Es geht um Betrug, Vertuschung, Drogen. Der Geheimdienst ist beteiligt, zwei tote Zeugen gibt es auch schon. Der Sport kann in seinen Wettbewerben dramatische Geschichten schreiben, doch hinter den Kulissen geht's manchmal noch spannender zu, wie in einem Krimi von Jerry Cotton.

Das ist kein Zufall. Die halbe Fifa-Bande, das weiß jedes Kind, sitzt im Knast. Vom IOC, dem Olympia-Syndikat aus Lausanne am schönen Genfer See, muss man auch nicht sehr viel besser denken. Klar, dass Wladimir Putin mit diesen Herren gut kann. Der starke Mann aus Moskau mit den geopolitischen Ambitionen hat sich vor gut einem Jahrzehnt dem Sport genähert, ihn sich zu eigen gemacht.

Putin und der Sport, das passt. Beide schätzen Bedeutung, Macht, große Bühnen und auch viele Werte teilen sie. Darunter verstehen sie ausschließlich Zahlen, also die vor, nicht die hinter dem Komma.

In Moskau finden seitdem viele Sport-Events statt. Immer mehr Russen bekleiden hohe Funktionärsämter. Und der Adel des Sports ist die wahre fünfte Kolonne des Kreml. Die ehemaligen Fußballbosse Sepp Blatter und Michel Platini sind russophil, der hochkorrupte ehemalige Leichtathletikchef Lamine Diack dealte mit Moskau. Auch Deutsche sind unter den Putin-Freunden, etwa der stets lächelnde und stets schweigende Wirtschaftsanwalt und IOC-Chef Thomas Bach und Franz Beckenbauer, gutbezahlter russischer Sportbotschafter. Putin und der Sport, da haben sich zwei gesucht und gefunden.

Wohin dieses logische und natürliche Bündnis den Sport führt, zeigt der jüngste Skandal. Bewahrheitet er sich, woran wenig Zweifel bestehen, hat es der Sport mit dem größten seiner Geschichte zu tun. Grigori Rodtschenkow hat einem amerikanischen Dokumentarfilmer und der New York Times erzählt, dass Urinproben von mindestens fünfzehn russischen Medaillengewinnern der Olympischen Spiele von Sotschi ausgetauscht worden seien. Und dass er sie zuvor mit einem Special Drink aus Steroiden und Alkohol gedopt habe. Rodtschenkow ist nicht irgendwer, er leitete des Moskauer Anti-Doping-Labor bis 2015. Er war oberster Doping-Kontrolleur Russlands.

Ausschluss Russlands von Olympia?

Putin ließ sich seine Winterspiele 50 Milliarden Dollar Staatsgeld kosten. "Erfolg in Sotschi lautete mein Auftrag", sagt Rodtschenkow, "gewinnen um jeden Preis". So kam es, Russland gewann die Nationenwertung, holte mehr als vier Mal so viele Goldmedaillen als zuvor. Natürlich alles sauber, laut Doping-Tests zumindest.

Doch offenbar ist dieser Erfolg nichts wert, offenbar hätten sich die Sportfans dieser Welt die vielen Fernsehstunden von Sotschi schenken können, offenbar war vieles Lug und Trug. Ihre Proben der russischen Athleten waren mit solchen vertauscht worden, die sie vorher ungedopt abgegeben hatten. Sie wurden mit Salzlösungen manipuliert. Es war ein schmutziger Job, ein Scheiß-, eher ein Pissjob, aber einer musste ihn ja tun: Rodtschenkow.

Noch sind es nur Indizien, doch er wolle Belege liefern, sagt er. Das IOC müsse nur die B-Proben öffnen, die in Lausanne lagern. Bestätigen sich seine Vorwürfe, könnten die Folgen für den Sport abgesehen vom Imageverlust immens sein. Nach Bekanntwerden des flächendeckenden Dopings, das die ARD vor anderthalb Jahren aufgedeckt hatte, ist die russische Leichtathletik ohnehin bereits für die Spiele von Rio suspendiert. Auch wenn viele Mächtige des Sports hinter den Kulissen viel tun, um die Sperre bis August aufzuheben.

Das dürfte ihnen nun schwerer fallen und es könnte sogar bald der Ausschluss des kompletten Teams Russland von Olympia 2016 gefordert werden, auch der Rücktritt Bachs. Natürlich wird nicht nur in Russland gedopt, aber bestätigen sich Rodtschenkows Anschuldigungen, hätte man es mit einem Fall von jahrelangem, systematisch geplantem Staatsdoping zu tun.

Rodtschenkow macht sich zum Staatsfeind

Im Vergleich mit diesen weltweiten Schlagzeilen verschwindet geradezu die zweite schlechte Nachricht, die das IOC in dieser Woche getroffen hat. Im Zusammenhang mit den Olympischen Sommerspielen von Tokio 2020 sind zwei verdächtige Millionenzahlungen entdeckt worden. Französische Behörden ermitteln nun wegen des Verdachts auf Korruption. Das Organisationskomitee von Tokio dementiert, doch dass erneut das Umfeld und die Familie von Lamine Diack, dem Ex-Leichtathletik-Chef, beteiligt sind, lässt kein gutes Ende ahnen.

Auch ein anderer Sport wird durch Rodtschenkow in den Blick gerückt. 2018 soll die Fußball-WM in Russland stattfinden. Wladmir Mutko, Putins Sportminister und Fifa-Vizepräsident, organisiert sie. Nun fragt sich mancher: Wie ernst ist den Russen der saubere Sport, von dem Mutko gerne spricht, wirklich? Soll auch die russische Nationalmannschaft ins WM-Finale gedopt werden? Kann man das Turnier wirklich in diesem Dopingsumpf austragen?

Auf die jüngsten Vorwürfe hat Mutko schnell reagiert und sie erneut als Resultat einer Verschwörung der westlichen Medien bezeichnet. Es sind aber seine Landsleute, die reden. Wie schon im Leichtathletik-Skandal kommen die Whistleblower aus Russland. Die beiden mussten aus Russland fliehen und leben an einem unbekannten, sicheren Ort.

Auch Rodtschenkow macht sich zum Staatsfeind. Sein Motiv sei Wiedergutmachung, sagt er, er wolle aufklären. Er beschuldigt sich selbst als Vater dieses kriminellen Programms. Seinen Job in der Doping-Behörde in seiner Heimat hatte er verloren, also ging er in die USA. Vielleicht hat sein Ortswechsel auch mit Angst zu tun. Zwei weitere ehemalige russische Doping-Funktionäre, die viel über den sportlichen Aufschwung ihres Heimatlands wussten, kamen kürzlich unter rätselhaften Umständen ums Leben.