Thomas Tuchel darf guten Mutes sein, dass das Finale des DFB-Pokals am Samstag nicht so endet wie das Finale um die deutsche Meisterschaft. Eigentlich wird die Meisterschaft nicht in einem Spiel entschieden, doch seit dem 5:1 von Bayern München über Borussia Dortmund im vorigen Oktober, der bis dahin größten Niederlage in der Karriere des jungen Trainers, war der Meistertitel quasi vergeben. Das Ergebnis besagte auch: Gegen die Bayern ist nix zu machen. Viele dachten sogar, auf Jahre hinaus.

Sie könnten sich geirrt haben. Tuchel hat nicht nur im Finale von Berlin gute Chancen, die Bayern herauszufordern. Er könnte den BVB wieder zu einem dauerhaften Rivalen der Münchner aufbauen. Er ist einer der Sieger dieser Saison. Vor einem Jahr übernahm er die Borussia in einer kritischen Situation und führte sie in die Champions League. Auch ihren Stil hat er verändert, der BVB kann nun Ballbesitzfußball, zumindest in der Grobform. Verfeinert Tuchel die Details, könnte er die Bayern in der nächsten Saison sogar überflügeln, woran auch der Transfer von Mats Hummels nach München nichts ändern dürfte.

Um Tuchels Leistung zu würdigen, muss man an die Lage der Borussia vor einem Jahr erinnern. Im letzten von sieben Jahren unter Klopp war sie nach miserablen Leistungen zwischendurch in Abstiegsgefahr geraten. Dann verlor der BVB die Identifikationsfigur Klopp, der den Verein nicht nur sportlich geprägt hatte. Eine große Aufgabe für Tuchel. Doch mit ihm holte der BVB in der Bundesliga 78 Punkte, schoss die meisten Tore, wurde bester Zweiter aller Zeiten, mit der zweitbesten Punktzahl der Vereinsgeschichte.

Eine der wohltuenden Ausnahmen im Konterland

In der Rückrundentabelle war der BVB lange vor den Bayern, bevor er in den letzten beiden Spielen Punkte verschenkte. Auch war die Saison knapper, als es oft hieß. Den vielen Experten, die über Langeweile maulten, war wohl entgangen, dass die Bayern ihren Titel erst am vorletzten Spieltag sicherten und ihrerseits eine Siegesserie hinlegen mussten. Thomas Müller sprach stellvertretend für viele Bayern-Spieler, als er sagte: "Dortmund war sehr nervig." Das war ein Kompliment.

Tuchel hat Klopp ersetzt, ohne ihn zu kopieren. Die Spieler schätzen ihn für seine Menschenführung, auch hat er seinen eigenen Stil gefunden. Im Verein und unter den Fans ist er unumstritten. Das ist nicht selbstverständlich in einem Umfeld von Weltmeistern und ehemaligen Double-Siegern. Zumal Tuchel dem BVB einen Stilwechsel verordnet hat. Klopp hatte großen Erfolg mit emotionalem, aggressivem Pressing. Sein Fußball sah offensiv aus, fußte aber auf einer defensiven Idee: Der Gegner hat den Ball.

Tuchel macht es anders, er hat den BVB entkloppt. Er spielt mit der nahezu identischen Mannschaft einen anderen, gleichwohl aber wieder erfolgreicheren Fußball als sein Vorgänger zuletzt. Der BVB hat nun öfter und länger den Ball, seine Spieler passen mehr, suchen nicht immer die schnellste Gelegenheit zum Schuss aufs Tor. Tuchels Borussia rennt weniger und spielt mehr. Damit ist Tuchel eine der wenigen wohltuenden Ausnahmen im Konterland Bundesliga. Man merkt Tuchel im Spiel und im persönlichen Umgang an, dass Pep Guardiola ein Maßstab für ihn ist.