Stadionverbote sind schlimm für einen Fan, selbst wenn es sich um einen ehemaligen DFB-Präsidenten handelt. Vermutlich kämpft Wolfgang Niersbach deswegen so vehement gegen die mögliche Sperre, die die Untersuchungskammer des Fifa-Ethikkomitees inklusive 30.000 Schweizer Franken Buße gegen ihn fordert.

Wird sie von der Spruchkammer bestätigt, muss der deutsche Vertreter in der Uefa und der Fifa seine Ämter niederlegen. Und dann darf er nicht mehr in offizieller Mission Fußballspiele schauen, sondern muss, schnöderweise, Tickets kaufen wie alle anderen auch.

Vielleicht kämpft Niersbach aber auch einfach, weil er sich inzwischen, was Realitätsverlust und Dickköpfigkeit betrifft, dem Status von Fußballmonarchen wie Sepp Blatter und Michel Platini nähert. Die ziehen ohne Argumente und Erklärungen für ihren suspekten Millionendeal durch alle juristischen Instanzen und kassieren eine Niederlage nach der anderen.

Auch Niersbach, der über das "weltweite Berufsverbot im Fußball" klagt, wird kaum eine Chance haben. Die Fifa wirft ihm vor, er habe seine Meldepflichten verletzt. Das klingt nach einer Bagatelle, doch die Satzungen des DFB und der Ethikcode der Fifa schreiben harte Strafen vor, wenn ihre Entscheidungsträger Verstöße und Fragwürdiges nicht sofort melden. Jüngst sperrte die Fifa zwei Schirifunktionäre für zwei Jahre, weil sie von Manipulationen wussten, aber nichts sagten.

Einen Fifa-Vorstand wie Niersbach kann man nicht milder beurteilen. Der schwieg auch lange. Über die vielen Fragen, Indizien und Verdachtsmomente, die im Zuge der Affäre um das Sommermärchen 2006 kreisen und die inzwischen die ganze Fußballwelt beschäftigen, hat Niersbach weder das Präsidium seines DFB noch die Fifa-Ethikkomission rechtzeitig und umfassend informiert. Obwohl er früher davon wusste, als er zunächst zugab.

In welchem Maße Niersbach die Öffentlichkeit täuschte und wie ehemalige DFB-Führungskräfte den Skandal kaschieren wollten, belegt ein Protokoll, das der ehemalige Vize-Generalsekretär Stefan Hans im vorigen Jahr angefertigt hat. Es liegt ZEIT ONLINE vor, angeblich hat auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt bei der Hausdurchsuchung beim DFB im vorigen November das Papier beschlagnahmt.

Darin belastet Stefan Hans alias SHA, vermutlich unbeabsichtigt, seinen damaligen Chef Wolfgang Niersbach, abgekürzt mit WNI. Was SHA schreibt, ist der Öffentlichkeit zwar mehr oder weniger bekannt: WNI hat bereits im Juni 2015 von den schmutzigen Geldflüssen zwischen Deutschland, der Schweiz und der Karibik gewusst, zumindest in groben Zügen. Das Protokoll führt aber in neuer Detailliertheit vor Augen, dass Niersbach nie der Aufklärer war, als der er sich gerne präsentierte. Im vorigen Juni schrieb er noch einen Brief an alle 26.000 deutschen Amateurvereine mit einer Sonntagsrede über "Gier und fehlende Moral einiger weniger". Das Hans-Protokoll wäre die perfekte Grundlage für die anklagende Fifa gegen diesen Vertuscher.

Undurchsichtige Schmierenkomödie

Um die Forderung nach einer Sperre für Niersbach zu verstehen, muss man sich seine Rolle in der Zeit von Juni bis November 2015 genauer anschauen. Als der Spiegel die Story Mitte Oktober veröffentlichte, verteidigte sich Niersbach und behauptete vage, er habe im Sommer von Nachfragen erfahren. Seine Kollegen vom DFB-Präsidium habe er deswegen erst nach den Anfragen des Spiegels benachrichtigt, weil er zunächst Fakten geschaffen haben wollte, sagte er in diesen Tagen und Wochen. Deswegen habe er eine interne Prüfung angeschoben, in die offenbar nur Hans und eine Sekretärin eingeweiht waren. Sie konnte zu den dringenden Fragen keine Auskünfte erteilen.

Niersbachs Version war nach weiteren Presserecherchen und vielen eigenen Widersprüchen nicht lange haltbar. Er selbst rückte zunehmend von ihr ab. Nach einer unfreiwillig lustigen Pressekonferenz, in der er schulterzuckend den Nichtsahnenden mimte, musste er als DFB-Präsident zurücktreten. Inzwischen bestreitet er nicht, dass er bereits im Juni 2015 von den Vorfällen gewusst habe. Allerdings ließ er in der Öffentlichkeit den Eindruck stehen, er habe das Maß des Skandals erst im Laufe der folgenden Monate durchschaut. Was er wann wie von wem wusste, hat er öffentlich nicht geschildert.