Vielleicht muss es an dieser Stelle Simone de Beauvoir sein. "Frauen sind als Hexen verbrannt worden, einfach weil sie schön waren", hat die französische Schriftstellerin und Feministin in ihrem Le Deuxième Sexe geschrieben. Vielleicht muss es an dieser Stelle mal wieder der feministische Klassiker der Philosophin sein: Weil sich der Sexismus im Fall Claudia Neumann so wuchtig zeigt, als hätte es die vergangenen Jahrzehnte der Emanzipation nicht gegeben, seit Le Deuxième Sexe 1949 veröffentlicht wurde.

Die Sportjournalistin Claudia Neumann hat am Freitag das Fußball-EM-Vorrundenspiel live im ZDF kommentiert, Italien gegen Schweden, ihr zweites nach dem Spiel Wales – Slowakei. Ja und, könnte man fragen, wie war sie? Und antworten, dass sie über eine ereignisarme Partie durchaus unterhaltsam und sachkundig berichtet hat. Oder dass sie ein paar zu viele dieser räudigen Fußballfloskeln verwendet hat. Doch um diese Fragen der Qualität ihrer Live-Berichterstattung geht es nicht. Darum geht es jenen nicht, die sich grundsätzlich daran stören, dass eine Frau Männerfußball kommentiert – erstmals im deutschen Fernsehen auch zwei Spiele einer Fußball-EM.

Claudia Neumann ist vor, während und nach ihren Live-Reportagen auf Facebook und Twitter übel sexistisch beschimpft und angegriffen worden, Vergewaltigungsfantasien inbegriffen. Erschütternd, wie viele Männer offenbar Frauen auch heute noch gern als Hexen verbrennen würden. Einfach weil sie schön sind. Einfach weil sie ein Männerfußballspiel kommentieren. Einfach weil sie Frauen sind.

Angriff auf die Männlichkeit

Simone de Beauvoir, die sich selbst nicht als Feministin bezeichnet hat, analysierte in ihrem Le Deuxième Sexe, dass die rechtliche Gleichstellung von Frauen nicht die gesellschaftliche Unterordnung von Frauen als "zweitrangiges Geschlecht" ändern wird, da diese tief kulturell eingeschrieben sei. Der diskriminierende Code hat sich bis heute stark abgeschwächt – glücklicherweise und dank dem Kampf vieler Frauen und Männer für Gleichberechtigung. Im Jahr 2016 können Frauen im Prinzip alles sein und machen, was sie wollen.

Dass eine Kommentatorin von EM-Spielen für manche einen krassen Angriff auf ihre Männlichkeit darstellt, ist tragisch, vor allem für die kleinen Würstchen selbst, die öffentlich im sexistischen Senf baden. Bedauernswert, wer mit so wenig Selbstbewusstsein durchs Leben gehen muss.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein enthemmter Frauenhass in sozialen Netzwerken geäußert wird. Ist das ein Grund, sich darüber nicht mehr aufzuregen? Gegenfrage: Sollte der Shitstorm gegen Claudia Neumann nicht Anlass sein, bei dieser EM Frauen noch öfter ans Mikro zu lassen – bei einem Deutschlandspiel vielleicht, liebe ARD? Oder in einem Halbfinale, liebes ZDF?