Wer annimmt, dass es viele Mannschaften gibt, liegt natürlich falsch. Der Deutschland-Fan weiß: Es gibt nur eine, nämlich "Die Mannschaft". Wer es nicht glaubt, schaue ins Register des Deutschen Patent- und Markenamts, wo der DFB vor einem Jahr den Begriff als Wort-Bild-Marke eintragen ließ. Oder fahre nach Évian, ans französische Ufer des Genfer Sees. Dort fahren zurzeit viele schwarze Vans mit Frankfurter Kennzeichen und dem Slogan "Vive la Mannschaft" die steilen Straßen rauf und runter. Dort, gut hundert Höhenmeter über dem See, logiert, trainiert die Mannschaft.

Dieser Begriff ist eine Huldigung, eine Beschwörung der goldenen Zeit vor zwei Jahren. Damals gewann die deutsche Elf in Brasilien, weil sie alle Merkmale einer funktionierenden Mannschaft zeigte. Der Einzelne nahm sich nicht so wichtig, ordnete sich dem großen Ziel aller unter, individuelle Schwächen fing das Kollektiv auf. Die Elf bewies auch die Sekundärtugenden, die erfolgreiche Mannschaften ausmachen: Organisation, Disziplin, Hierarchie, Plan.

Rio war der erste schwarz-rot-goldene WM-Titel seit der Wiedervereinigung, der deutsche Fußball war nach einigen Tiefpunkten und Anläufen wieder an der Spitze. Viele hoffen nun, die Deutschen können, wie zuvor die Spanier, Titel in Serie holen.

Die aktuellen Ergebnisse, Leistungen und der Stil der Nationalmannschaft deuten allerdings nicht darauf hin, dass der Triumph von Brasilien in Frankreich seine Fortsetzung findet. Womöglich war Rio eher der End- und Höhepunkt einer Entwicklung – und nicht der Beginn einer Ära.

Kapitän Lahm fehlt

Man muss daran erinnern, wie der Erfolg in Brasilien zustande kam. Die Mannschaft wurde getragen von einer Handvoll Spielern, die zuvor mehrere Male kurz vor dem Ziel im Halbfinale oder Finale gescheitert waren. Philipp Lahm, Per Mertesacker, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger waren bereits 2006 dabei, als das Sommermärchen jäh endete, Miroslav Klose sogar schon 2002 im Finale von Yokohama. Thomas Müller, Manuel Neuer, Mesut Özil, Sami Khedira und Jérôme Boateng hatten immerhin zwei unvollendete Turniere hinter sich.

Ein bisschen Glück war zwar im Spiel. Im Viertelfinale waren die Franzosen besser, bloß unreifer, im Halbfinale zerbrach Brasilien am Druck, im Endspiel war Argentinien ebenbürtig. Doch der deutsche Erfolg war verdient. In Brasilien gewann das beste Team. Ein Team, das viel Energie aus Rückschlägen gezogen hatte. Diesmal ließ es sich den Triumph nicht wieder nehmen, diesmal war Deutschland einfach dran.

Den Teamgeist konnte man bei den Rückschlägen während des Turniers erkennen, etwa beim Führungstor Ghanas in der Vorrunde oder der Drangperiode Algeriens im Achtelfinale. Aber auch an vielen Details und Gesten. Per Mertesacker musste nach einer weiteren schwachen Leistung im Achtelfinale auf die Bank. Dennoch unterstützte er seine Konkurrenten und murrte nicht. Er ergriff den letzten Strohhalm, wie Miroslav Klose. Bei seiner Auswechslung im Finale gab der Mario Götze Aufmunterndes auf den Weg, was dem, heute weiß man es, zumindest nicht geschadet hat.

Und Philipp Lahm war nach zehn Jahren Nationalelf der Wortführer. Nach außen ein leiser Typ, war er durch seine Erfahrung und sein dauerhaft hohes Niveau der unumstrittene Kapitän, die rechte Hand des Trainers, an dessen Seite Mitspieler wuchsen. Seinen Rücktritt hatte er schon vor dem Turnier beschlossen, in diese WM legte er alles rein. Im ersten Spiel gab er im Mittelfeld den Spielgestalter, im Finale den rechten Außenverteidiger. Er war der Spieler, der auf und neben dem Platz die richtigen Entscheidungen traf.

Zwar sind in der aktuellen Mannschaft noch viele Weltmeister. Doch sollte aus ihnen und den Neuen eine Mannschaft gewachsen sein, die zu Ähnlichem fähig wäre, hätten sie es zumindest gut versteckt. Sie muss sich und ihre Hierarchien erst mal finden.