Das hätten Julian Draxler nicht alle zugetraut, dass er für die beste und kreativste Aktion der deutschen Offensive dieses bisherigen Turniers verantwortlich werden sollte. Mensch, was ging das leicht und geschwind! Waren es jetzt zwei Übersteiger, gefolgt von einem Ballstreichler mit der Sohle, oder war da erst der Streichler und dann die Übersteiger?

Der slowakische Verteidiger Juraj Kucka war wohl auch noch am Zählen, da war Draxler schon an ihm vorbei und passte zu Mario Gómez. Den gibt’s ja auch noch. Nein, wieder. Tor, 2:0 für Deutschland. Keine Minute übrigens, nachdem Manuel Neuer den Ausgleich verhindert hatte.

Es war nicht alles gut beim 3:0-Sieg gegen die Slowakei, die deutsche Elf offenbarte durchaus noch die eine oder andere bekannte Schwäche. Doch zeigte sie im Achtelfinale ihre beste Leistung und sich im Gegensatz zu manchem Konkurrenten eines EM-Favoriten würdig. Das lag auch an Draxler, einem jungen Stürmer, der sein enormes Talent erstmals nicht versteckte.

Draxler hat so viel in sich

Über Draxler redet man nun, weil er auch das 3:0 schoss. Nach einer Ecke kam er frei zum Schuss, es war trotzdem nicht so leicht, den Ball in dieser Höhe zu versenken. Im Spiel zuvor gegen Nordirland hatte Deutschland einige größere Chancen vertan. Über Draxler könnte man aber auch reden, weil er, der für Mario Götze kam, etwas in das deutsche Spiel einbrachte, was man von Götze meist vermisste: Tempodribblings, Lücken reißen, Tore einleiten und schießen.

Draxler hat so viel in sich. Er hat Tempo, ist stark im Eins gegen Eins, hat einen klasse Schuss, Übersicht, schlägt genaue Pässe, auch mit links, selbst Flugbälle kann er beidfüßig. In dieser Generation ist er der beste deutsche Fußballer. Er ist der bessere Götze. Man muss das ausführen, denn man sieht es selten von Draxler. Natürlich weil kein Mensch Wolfsburg schaut, aber auch, weil er in der Nationalelf noch nie so gut war wie gegen die Slowakei.

Liegt's am Verein, am Trainer, dass sein Talent selten blüht? Oder liegt's an Draxler selbst? Er ist wohl ein Spieler, dem eine strenge Führung helfen würde, seiner jugendlichen Spielfreude einen Schuss Erwachsensein hinzuzufügen. Der aber auch zur Nachlässigkeit tendiert. Belege sah man gegen die Slowakei. Manchmal ging er nicht zum Ball, vielleicht war ihm nicht danach. Dann verursachte er beim Nebenhertraben einen Freistoß, gar nicht weit weg vom deutschen Strafraum. Auch nicht jedes seiner Dribblings erfüllte seinen Zweck. Außerdem dürfte er auch öfter schneller passen.

Wie Draxler präsentierten die meisten seiner Mitspieler an diesem Tag eher ihre Stärken – und ein paar kleinere Mängel. Mesut Özil, übertrieben viel gescholten, behandelte den Ball wieder geschmeidig, auch wenn er einen Elfmeter verschoss. Toni Kroos lenkte das Spiel elegant. Aber mindestens drei Mal spekulierte er auf einen Ballgewinn im Mittelfeld. Weil es ihm mindestens drei Mal nicht gelang, öffnete er mindestens drei Mal großen Raum in der Zentrale.

Alle deutschen Defensivschwächen in einer Szene

Jérôme Boateng verdiente sich sein Tor und seinen wickiehaften Luftsprung. Aber in einer Szene merkte man ihm an, dass seine Verletzung ihn hemmte. Da ließ er Milan Škriniar unbedrängt zum Schuss kommen. Jonas Hector, inzwischen gut in die Elf integriert, brachte mit seinen Flanken manchen Zuschauer zur Verzweiflung. Und Thomas Müller experimentiert noch damit, was er bei diesem Turnier zum Erfolg beitragen kann.

Mats Hummels verteidigte souverän und fiel durch einen traumhaften Schnittstellenpass auf. Joshua Kimmich gefiel anfangs mit seinem Direktspiel. Aber seine Schwächen beim Verteidigen waren nicht zu übersehen, sie dürften seinen Einsatz im Viertelfinale gefährden. Nicht nur bei der größten Chance der Slowaken durch einen Kopfball von Michal Duris ließ er sich wegdrücken.

Es lohnt sich, diese Situation noch mal genauer anzusehen. Ein lizenzierter Trainer würde sie so sezieren: Kroos verliert einen Zweikampf und ist aus dem Spiel, Draxler setzt nicht nach, Khedira gar nicht da, Hector verliert die Orientierung, Hummels rückt ohne Chance auf den Ball aus dem Zentrum, dadurch muss Boateng den Stürmer am kurzen Pfosten decken und den kleinen Kimmich ins entscheidende Kopfballduell schicken. Eine Kettenreaktion. Eine Riesenchance, obwohl nur vier Slowaken angreifen. Nur Boateng macht es richtig. Und Neuer freilich, der rettete, weil Boateng ja nicht immer retten kann. Da waren alle deutschen Defensivschwächen in einer Szene.