Herr Draxler futschelt gerne old-school. Den Slowaken Juraj Kucka machte der junge Deutsche mit einem Übersteiger nass. Der ist eigentlich aus der Mode. Was soll's? Danach stand's 2:0.

Futscheln, nass machen – das ist Sportplatzslang. Es steht für das Gleiche wie tricksen, fummeln, schnicksen, das Wörterbuch des Fußballs gibt einiges her. Damit alle wissen, wovon die Rede ist: "Der Spieler läuft und führt den Ball möglichst dicht am Fuß, um so durch eine Körpertäuschung am Gegenspieler vorbeizulaufen." So trocken beschreibt Wikipedia die Individualtechnik Dribbling.

Das Futscheln muss man lieben, ohne wäre Fußball so viel ärmer. Das wird bei dem Studium über Kombinationsspiel, Ballbesitzquoten und Packing oft vergessen: Passspiel ist natürlich wichtig und sieht gut aus. Doch viel schöner ist es, wenn ein Spieler mit dem Ball durch ganze Abwehrreihen fegt, über Füße und Beine fliegt. Und mit Passen alleine schießt man selten Tore. Mannschaften, die nur passen, sind leicht zu durchschauen. Spieler, die den Ball immer schnell abgeben, denen fehlt was.

Cryuffs Turn, Ronaldinhos Elastico, Péles Runaround Move

Der Fußballfan himmelt sie an, die guten Dribbler, die alten Helden. An spielfreien Tagen bestaunt er auf YouTube die Übersteiger Ronaldos (des Brasilianers), der wie eine Büffelherde die Gegner zertrampelte. Oder den Balletttänzer Johan Cruyff, wie er zum Flanken in die Mitte schaute und sich stattdessen den Ball hinter seinem Standbein vorbeilegte. Legionen von Verteidigern hat er mit dem Cruyff Turn in die Irre geführt. Dem o-beinigen Pierre Littbarski konnte keiner den Ball abnehmen.

Oder die langen Soli Diego Maradonas, des argentinischen Kugelblitzes mit der tiefen Übersetzung, der bei seinem Tor des Jahrhunderts halb England alt aussehen ließ. Ronaldinho perfektionierte den Elastico oder Flip Flap: Er führte den Ball langsam mit der Außenseite seines starken Fußes in Richtung seiner starken Seite, dann bewegte er seinen Fuß um den Ball, immer zu ihm Kontakt haltend, und zog, den Ball nun an der Innenseite, schnell in die andere Richtung davon. Der Gegner verteidigte Luft. Pelé ließ die Gegner mit seinem Runaround Move sogar ins Leere laufen, ohne den Ball zu berühren. Und Kaiser Franz foppte sie mit der Beckenbauer-Drehung.

Auch diese EM ist eine Messe des Dribblings. Die Deutschen haben Draxler, aber auch den katzenhaften Mesut Özil oder den eleganten Toni Kroos. Mario Götze klebt der Ball an guten Tagen am Fuß. Mario Gomez ist der Riesenslalomfahrer. Auch Manuel Neuer lässt sich manchmal nicht davon abhalten.

Die Franzosen haben Paul Pogba, den Mustang, der seine Gegner, LeBron James ähnelnd, mit großräumigen Bewegungen umkurvt. Einen ganz anderen Dribbelstil pflegt das belgische Wiesel Eden Hazard, der viele kurze Ballkontakte aneinanderreiht. Drei ungarische Abwehrspieler waren nicht genug, um sein Tor zu verhindern. Der kleine Italiener Emmanuele Giaccherini lässt gerne auf die gleiche Weise seine Gegner stehen. Nicht ganz so filigran, aber mit mehr Tempo. Sein Mitspieler Eder schoss auf diese Art ein Tor gegen Schweden und kopierte Roberto Baggio, dass der ihn aufs Urheberrecht verklagen könnte.

Das Dribbeln kommt nie aus der Mode, allerdings gibt es Trends. Im Kommen ist dieses Jahr wieder der Marseille Turn, den Maradona gerne einsetzte und Zinédine Zidane variantenreich zur Blüte brachte. Das ist eine 360-Grad-Drehung, bei der man mit beiden Sohlen auf dem Ball Walzer tanzt. In Frankreich erlebt er eine kleine Renaissance. Pogba hat ihn dargeboten, auch der Schweizer Xherdan Shaqiri.

Auch bedient sich der Fußballer von heute wieder des Beinschusses. Das ist eine besondere Demütigung für den Gegenspieler. Daniele de Rossi verpasste damit Andres Iniesta einen Wirkungstreffer. Thomas Müller hingegen dürfte der Titel des meistgetunnelten Spielers dieses Turniers kaum noch zu nehmen sein.

Dann sah man noch einen ganz alten Trick: Dabei legt man den Ball am Gegenspieler auf der einen Seite vorbei und sprintet an der anderen Seite um ihn herum. Der Schweizer Stephan Lichtsteiner kam mit dieser Nummer durch. Sagt vielleicht auch was über die Qualität dieser EM. Out ist dagegen der Übersteiger, mit dem Cristiano Ronaldo seine Häscher gerne vernascht. Aber abschreiben sollte man ihn nicht, Stichwort Draxler. Hauptsache, man kommt am Verteidiger vorbei.

Dribbeln ist aber nicht nur eine Frage der Ästhetik, die Trickkiste darf nicht zum Selbstzweck werden. Der Futschler wird gebraucht, wenn das Spiel ins Stocken gerät, was im Fußball dauernd passiert. Dann braucht man Waffen. Verzeihung für das Vokabular, aber so wird im Fußball nun mal geredet. Ist nicht kriegerisch gemeint. Man muss ja nicht gleich an Gewehre denken, sondern eher an das Florett von Zorro, das eine Abwehr wie ein Tuch zerschneidet. Und Lücken und Räume für andere schafft.

Mit schnellen Dribblings kann man gleich mehrere Gegenspieler unter Stress setzen. Schon ein einziges gewonnenes kann ein Spiel ändern, die Richtung drehen, selbst wenn es nicht zu einem Tor oder einer Chance führt. Dem Gegner zeigt es Verwundbarkeit. Und einem selbst und seinen Mitspielern ein Signal: Da geht was. Andersherum: Wer nass gemacht wird, steht feucht da. Die größte Schmach ist der Ankle Breaker, bei dem der Verteidiger nur durch die Finte ins Straucheln gerät.