Wann fielen die Tore?
Sehr spät. Bei dieser EM fällt es oft schwer, die 90. Minute wach zu erleben. Zu ermüdend ist das 0:0-Geschiebe bei einigen Spielen. Wer durchhält, kriegt aber was geboten. Denn: Viele Teams haben in der Vorrunde erst kurz vor Schluss das Tor getroffen. Das lag zum Beispiel daran, dass Spieler, die noch Luft für einen Sprint hatten, erst spät eingewechselt wurden. Fragen Sie Bastian Schweinsteiger.

Bei den Franzosen scheint es sogar die grundlegende Ausrichtung zu sein, den Gegner lange hoffen zu lassen, um ihn spät zu erlegen. Die Equipe Tricolore hat drei ihrer vier Tore in der 89. Minute oder später geschossen. Gegner Albanien stand zum Beispiel im zweiten Gruppenspiel schon mit einem Bein auf dem Rathausbalkon, um den heroischen ersten Punktgewinn ihrer EM-Geschichte zu bejubeln, da schlug der Gastgeber doch noch zu. Doppelt. Auch England und Italien sicherten sich Punkte erst in der Schlussphase. Die großen Fußballnationen haben scheinbar einen langen Atem und die nötige Geduld. Bei den Außenseitern lässt dagegen zum Ende die Konzentration etwas nach. Kein Wunder: 90 Minuten Hinterherlaufen und Verteidigen kostet Kraft.

Wer hat geglänzt?
Keiner so richtig. Aber jedes große Turnier braucht sie: Diese Köpfe, die später auf den Covern der Turnierchroniken und den Zimmerpostern prangen. Die Superstars. Doch von Ronaldo, Lewandowski und Ibrahimović war bisher wenig zu sehen. Hängt damit zusammen, dass Superstars Tore schießen müssen. So will es der Boulevard-Kodex. Tore fallen bei der EM aber sehr wenig. Im letzten Gruppenspiel hat Ronaldo immerhin mit zwei Toren gezeigt, dass er auf dem besten Weg ist, alleiniger EM-Rekordtorschütze zu werden. Für einen Sieg hat es trotzdem nicht gereicht.

Wenn überhaupt, sind die Leuchttürme in Nationen mit Küste zu suchen. Die Waliser zum Beispiel. Die haben Gareth Bale. Der schwimmt sonst im Star-Pool von Real Madrid nicht ganz oben. Bei der EM aber hat er mit drei Toren in drei Spielen Wales zum Gruppensieg und ins Achtelfinale geführt. Bald heißt das Land Bales statt Wales. Bale und sein extra angereister Friseur verweilen nun noch länger in Frankreich und kreieren Dutt-Frisuren.

Superstar-Allüren dürfen sich nun auch Dimitri Payet und Álvaro Morata erlauben. Der eine, Payet, hat gleich im Eröffnungsspiel das bisher schönste Tor dieser EM geschossen. Der andere hat den Spaniern gezeigt, dass Ballbesitzphasen auch mal im gegnerischen Tor landen können. Beide standen vorher auf dem Star-Zettel auf der Rückseite. Und selbst da weiter unten.

Wie kam der neue Modus an? 
Ach, hör mir auf! Das spannendste war das Finale der Gruppe F und da spielten Ronaldo, Österreich und Island ums Weiterkommen. Die meisten Teams verteidigen in einer Zehnerkette ohne selbst anzugreifen. Ist zwar verständlich, wenn Außenseiter versuchen, gegen Mario Götze nicht unterzugehen. Ist aber auch sehr zäh. Ohnehin kommen zu viele Teams weiter. Neben den zwei Gruppenbesten ja auch noch vier Gruppendritte. Fürs Weiterkommen reichen schon ein Sieg und ein Unentschieden, wenn überhaupt. Habe ich diese Punkte in der Kiste, kann ich entspannen. Auszuscheiden ist schwieriger als weiterzukommen. Das führt, man ahnt es, zu niedrigem Spielniveau. 

Und: Es ist zu kompliziert. Wer spielt im Achtelfinale gegen wen? Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Um die aber zu verstehen, braucht es gewisse Übung im Umgang mit Begriffen wie dem Uefa-Koeffizienten und der Fair-Play-Wertung. Mäßig spannende Debatte. Die Uefa sollte Michel Platinis Projekt, eine EM mit 24 Teams spielen zu lassen, nochmal überdenken. Platini ist ja auch schon weg.

Wer rettet denn dann diese EM?
Na, die Iren. Lange lag ein grauer Schleier über dem Turnier. Hooligan-Debatten und ständige Böllerei dominierten die Nachrichten statt Jubel und Sommerfußball. Auch das geschah auf und hinter den Rängen, auch das gehört zu diesem Turnier. Unschön. Gut aber, dass es die Iren und die Nordiren gibt. Sie singen Liebeslieder für französische Damen, summen Babys in Straßenbahnen in den Schlaf und bejubeln einen Drittligastürmer, der bisher ohne Einsatzzeit blieb, mit einem Ohrwurm, der sich hartnäckiger im Kopf hält als Smoke on the Water.

Unser Reporter in Frankreich schwärmte nach dem Spiel Nordirland gegen Deutschland von einem der schönsten Konzerte, das er je besucht habe. Selbst eine halbe Stunde nach Abpfiff und einer 0:1-Niederlage sangen die nordirischen Fans, als hätten sie gerade das Turnier gewonnen. Allein wegen der Fans von der grünen Insel hat sich die Aufstockung bei dieser EM dann doch gelohnt.