24 Mannschaften treten bei der Fußballeuropameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEITmagazin die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Da war er wieder, dieser betörende, ja, was eigentlich, Gesang? "Hu! Hu! Hu!" Er verdreht mir den Kopf und bringt mich erstmals während dieser über lange Zeit so durchwachsenen Fußball-EM spontan zum Lächeln. "Hu! Hu! Hu!", immer lauter, immer schneller, so geht der Schlachtruf der isländischen Fußballfans auf den Rängen im Stadion von Nizza und vielleicht erinnert er nicht zufällig an den Haka der neuseeländischen Rugbyspieler. Vielleicht gibt es ja eine Verbindung zwischen den Inselstaaten an den entgegengesetzten Enden der Welt, von der wir bislang nichts wissen.

Diese Zeilen schreiben sich nicht leicht, denn ich gehe mit jedem Buchstaben fremd. Eigentlich hatte ich an diesem Montagabend ein Date mit England, mit meiner späten Jugendliebe, die mir den vielleicht besten Sommer meines Lebens bescherte, damals vor knapp zehn Jahren. Aber schon unser erstes Date zum Auftakt dieser Europameisterschaft verlief holprig. Zu viele hässliche Nebenbuhler warfen in Marseille mit Flaschen und Tischen um sich und störten unsere Annäherung.

Nun das Achtelfinale: England hat seit 2006 kein einziges K.o.-Spiel mehr bei einem Turnier gewonnen. Island stand überhaupt noch nie in einem Achtelfinale. Für England ging es in diesen politisch turbulenten Zeiten um nichts Geringeres als sportliche Identität. Für Island vor allem darum, den Experten zu zeigen, dass die Mannschaft mehr kann als flache Gags mit –sson für die Titelzeilen zu liefern.

Die besten ersten zehn Minuten der EM

Was an diesem Abend folgte, war eine Liebesgeschichte. Sie begann mit Islands Torhüter Thor Halldórsson. Der muss wissen, wie sich schlechte (Liebes-)Filme anfühlen, schließlich ist der Mann neben seiner Fußballertätigkeit auch Regisseur. Nach nur drei Minuten wurde er selbst zum Hauptdarsteller, als sein Verteidiger Sævarsson eine Flanke der Engländer unterlief und Raheem Sterling plötzlich vor dem Tor stand. Halldórsson kam raus und 150 Pfund Sterling fielen schneller als der Wechselkurs in den vergangenen Tagen – Elfmeter für England, Rooney verwandelte.

Während die Spieler noch den Schützen feiern, dachte ich bereits über meine gemeinsame Zukunft mit England nach. Erst das Viertelfinale, dann der Titel und in zwei Jahren dann die Weltmeisterschaft in Russland. Ich träumte kurzzeitig vom Harry-Kane-Starschnitt, der im Zimmer meiner Kinder hängt und von der Weltfußballerwahl 2019, in der sich Delle Alli knapp gegen Joshua Kimmich durchsetzt.

Was ich dabei natürlich vergaß: England ist das Land, in dem Größenwahn und Selbsterniedrigung traditionell zusammengehören wie Scones und Konfitüre. Und so dauerte es genau zwei Minuten, bis der isländische Kapitän Aron Gunnarsson einen Einwurf in den englischen Strafraum katapultierte und Ragnar Sigurðsson die Kopfballverlängerung über die Linie bugsierte. 1:1 stand es nach gerade einmal sechs Minuten, schon jetzt war es das beste Achtelfinalspiel dieser EM.

Ich erinnerte mich wieder an diesen isländischen Kommentator, der schon das entscheidende Tor in der Gruppenphase mit dem fiepsigen Enthusiasmus eines Underdogs feierte und dachte: Eigentlich sind sie ja schon ganz schön sympathisch, diese Isländer, die uns die Experten der ARD ständig wie die Protagonisten einer Bergbau-Doku verkaufen – alles solide Arbeiter, gute Kumpel, die zusammenhalten, aber eben nicht so oft die Sonne sehen und sich deshalb über einen Moment im Rampenlicht der EM freuen.