Was ist das Besondere an dieser EM?

Es wird die größte aller Zeiten. Das klingt erst einmal gut, Superlative sind ja stets am Besten. Oft steckt aber auch heiße Luft drin – so wie bei dieser EM. Zum ersten Mal dürfen 24 Mannschaften mitspielen, bislang waren es 16. Die Aufstockung hat sich Michel Platini ausgedacht. Der war mal Präsident der Uefa, des Europäischen Fußballverbandes also, der die EMs ausrichtet. Platinis Teaminflation war ein netter Köder für sein Wahlvolk. Die kleineren Landesverbände fanden es natürlich schön, dass sie größere Chancen bekommen würde, dabei zu sein, das war den Stimmen für Platini sicherlich zuträglich. Außerdem bedeuten mehr Spiele auch mehr Geld für die Uefa. Die braucht das dringend, sie sitzt in Nyon am Genfer See, teure Ecke da.

Es war also leicht, sich für diese EM zu qualifizieren?

Ja. Strenggenommen hat sich jedes Land für diese EM qualifiziert, das es geschafft hat, in der zwei Jahre dauernden Qualifikationsphase beständig elf gesunde Fußballer auf den Platz zu stellen. Man musste sich schon sehr tollpatschig anstellen, um das nicht zu schaffen. Ein schöner Gruß an dieser Stelle an unsere Nachbarn in den Niederlanden, die leider zuschauen müssen.

Was bedeutet die Aufstockung?

Das Problem der aufgeblähten EM: Die Vorrunde wird nur mäßig spannend. Nicht nur werden Begegnungen wie Albanien gegen Rumänien oder Nordirland gegen die Ukraine selbst den hartgesottensten Allesguckern viel abverlangen. Es kommen aus den sechs Vierergruppen zudem neben die beiden Erst- und Zweitplatzierten auch noch die vier besten Dritten weiter. Es ist also fast schwieriger, in der Vorrunde auszuscheiden, als ins Achtelfinale einzuziehen. Drei Unentschieden könnten schon reichen, weshalb viele Mannschaften, besonders die weniger talentierten, reichlich destruktiv zu Werke gehen dürften. Spannend wird es dann ab dem Achtelfinale, der sogenannten K.-o.-Runde, wer verliert, ist dann raus.

Darf man sich trotzdem auf die EM freuen?

Aber natürlich. Wir wollen nicht zu griesgrämig sein. Es ist EM, hurra hurra! So ein großes Turnier ist ja immer auch ein Blick in fremde Fußballwelten. Plötzlich begeistert einen der etwas gebückte Laufstil eines slowakischen Außenverteidigers und die Frisur des isländischen Mittelfeldregisseurs (sofern vorhanden). Es werden auch Spieler zu sehen sein, die der gemeine Fan sonst nicht im Fernsehen oder gar im Stadion sieht. Drei EM-Spieler verdienen ihr Geld in Katar, einer jeweils in Mexiko, China und Saudi-Arabien. Roy Carroll, der Torhüter der Nordiren, trägt den wenig schmeichelhaften Superlativ des EM-Spielers, dessen Verein am tiefklassigsten aktiv ist: Caroll spielt beim englischen Viertligisten Notts County. Wobei das nur auf dem Papier steht. Gegen einen albanischen Erstligisten wäre ein englischer Viertligist sicher nicht chancenlos. Und auch die Deutschen haben in Jonas Hector einen Spieler im Kader, der beim 1. FC Köln spielt. Ja, wirklich, beim 1. FC Köln!

Was können die Neulinge?

Fünf Länder sind zum ersten Mal dabei: Albanien, Wales, die Slowakei, Nordirland und Island. Wunderdinge sind von keinem der Neuen zu erwarten. Aber vielleicht die ein oder andere Überraschung. Die Slowaken haben zum Beispiel kurz vor dem Turnier Deutschland in einem Testspiel geschlagen. Auch die Nordiren sind seit zwölf Spielen unbesiegt. Wales hat Gareth Bale und Island hat in seiner Gruppe immerhin die Niederländer hinter sich gelassen. Nur von Albanien sind wenig Heldentaten überliefert. Es fällt auch immer, wenn es um abschreckende Vorrundenspiele geht, der Satz "Aber Albanien gegen (fügen Sie hier einen Gegner Ihrer Wahl ein) tue ich mir nicht an." Siehe oben. Das tut uns schon ein wenig leid. Wenn Sie also noch überlegen, wem Sie bei dieser EM Ihr Herz schenken möchten, können Sie das mit unserem Nation-O-Maten herausfinden. Oder sie nehmen gleich Albanien. Damit tun sie etwas Gutes.

Wer hat den schönsten Spielernamen?

Ganz eindeutig der Isländer Kolbeinn Sigthórsson. Unter anderem Schütze des entscheidenden 2:1 in der 90. Minute im EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien. Der Engländer Danny Drinkwater wurde leider aus dem EM-Kader gestrichen.

Wer sind die Favoriten?

Frankreich, Spanien und Deutschland. Zum DFB-Team kommen wir unten noch. Die Spanier, deren Vereine in den vergangenen drei Jahren alle sechs großen europäischen Titel abgeräumt haben, starten mit dem wertvollsten und erfahrensten Kader ins Turnier. Sie haben auch schon 2008 und 2012 gewonnen und können deswegen als erstes Team zum dritten Mal hintereinander Europameister werden. Was übrigens laut Paragraf 9.02 der Uefa-EM-Regeln bedeutet, dass sie "ein spezielles Zeichen der Anerkennung" erhalten. Was das ist, weiß so recht niemand. Allerdings sind die Spanier bei ihrem letzten großen Turnier, der WM 2014, einfach mal in der Vorrunde ausgeschieden. Ein schweres Trauma, das vielleicht noch nicht ganz aufgearbeitet ist. Frankreich setzt auf den Heimvorteil, der nur einer ist, weil die Franzosen sich wieder mit ihrer Mannschaft angefreundet haben. Auch die Mannschaft selbst geht sich nicht mehr gegenseitig an die Gurgel oder rebelliert gegen den Trainer. Das liegt auch daran, dass fußballerisch zwar starke, neben dem Platz aber verhaltensauffällige Spieler wie Franck Ribéry oder Karim Benzema gleich zu Hause gelassen wurden.

Wer sind die Stars?

Es gibt zum einen die üblichen Verdächtigen: Cristiano Ronaldo, Zlatan Ibrahimović, Gareth Bale, Robert Lewandowski. Sind aber alles One-Man-Shows, der Rest ihrer Teams sind zu schwach, um bei diesem Turnier eine wichtige Rolle zu spielen. Interessanter wird es bei Spielern, die vielleicht keine Milliarden Instagram-Follower haben, dafür aber in einer Mannschaft spielen, die den EM-Titel gewinnen kann. Denn echte Stars gewinnen Titel. Heißeste Kandidaten auf die Bezeichnung "Spieler der EM" sind daher die Franzosen Antoine Griezmann und Paul Pogba. Griezmann wirkt wie ein Handtuch, ist zudem schnell, wendig und hat in diesem Jahr nicht nur der Bayern-Abwehr das ein oder andere Beine verknotet. Paul Pogba dagegen ist wuchtig wie ein Möbelpacker und kann, trotz seiner 1,91 Meter Körperlänge, mit dem Ball gleichzeitig Dinge, die andere nicht mit den Händen können. Und er wird eventuell für jedes EM-Spiel eine neue Frisur tragen. Bei den Spaniern ist auf Koke zu achten, einen der komplettesten Mittelfeldspieler Europas. Und der spielenden Legende Andrés Iniesta noch einmal bei einem großen Turnier zusehen zu dürfen, ist stets eine Freunde. Auch Deutschland hat natürlich Stars: Neuer, Müller, Özil, Kroos.  

Wer könnte zum Star werden?

Potentiell natürlich jeder. Dafür braucht es bekanntlich ja nur ein Finaltor in der Verlängerung. Die größten Talente tummeln sich in diesem Jahr in der englischen Mannschaft. Jamie Vardy ist mit seinen 29 Jahren schon gar kein Talent mehr, hat aber vor vier Jahren noch in der fünften englischen Liga gespielt, da drücken wir ein Auge zu. Ebenfalls hochbegabt sind der Stürmer Marcus Rashford und Dele Alli, ein Mittelfeldstratege wie ihn England seit Paul Gascoigne nicht mehr hatte. Gespannt darf man auch auf den Portugiesen Renato Sanches sein, einen 18-Jährigen, für den der FC Bayern immerhin 35 Millionen Euro auf den Tisch legte, mindestens. Möglicherweise sitzt er bei Portugal aber nur auf der Bank. Und dann wäre da noch Breel Embolo, ein 19-jähriger Schweizer, dem gerade halb Europa den Hof macht.