Früher galten europäische Meisterschaften im Sport als Momente, die die Einheit des Kontinents geradezu symbolisierten. Der Spaltung Europas wurden die sportlichen Auseinandersetzungen als leuchtendes Beispiel eines friedlichen Miteinanders entgegengehalten. Nach Gründung der Europäischen Union wurde der Kampf von Nationalmannschaften um den europäischen Titel zu einer anachronistischen Erinnerung an die verblassenden Nationen. Er war eine der letzten Gelegenheiten, die nationale Eigenheit und den Stolz auf die Herkunft gegenüber der neuen politischen Einheit Europas zur Geltung zu bringen. Bis zur Annexion der Krim 2014 und der Ankunft großer Flüchtlingsströme bildete die EU den Kern eines Europas des Sports, dem sich auch Nicht-Mitglieder anschlossen, wie die Schweiz, Norwegen, Israel, die Balkanländer, die Türkei und last but not least Russland.

Europa ist seit dem Ende des Kalten Krieges zum Zentrum des Weltfußballs geworden: mit modernster Infrastruktur, reichen Clubs, mit den besten Trainern und Spielern aus aller Welt. Um diesen glänzenden Fußball der international gemischten Clubmannschaften geht es jedoch bei der EM nicht. Was jetzt zählt, ist die "echte" Zugehörigkeit zur Nation. Im Publikum verfolgen wieder scharfe Beobachter als Lippenleser das Singen der Nationalhymne, sie zetern über religiöse Praktiken von muslimischen Nationalspielern, stolpern über afrikanische Namen, messen die Pigmentdichte der Haut von Nationalspielern. Bisher gehörten diese Wächter zu den Außenseitern im Publikum. Das Projekt eines offenen Europas ohne Binnengrenzen und ohne nationalistische Abgrenzungen wird immer schärfer bekämpft. Auch die Fußball-EM befindet sich mitten in Strudeln, die sie in die politischen Auseinandersetzungen hineinreißen werden.

Das Problem ist auch die Instrumentalisierung des Sports von jenen Ländern, in denen zunehmend feindselig gegen Europa regiert wird. Die Ablehnung richtet sich gegen die politische Rolle der EU und darüber hinaus gegen ihre menschenrechtliche Positionierung. Bei den osteuropäischen Ländern, die sich zu einer Art Wiederbelebung der alt-österreichischen Gemeinsamkeit vereint haben, ist angesichts der empfangenen Unterstützungsleistungen die tiefe Ablehnung Westeuropas zumindest erstaunlich.

Was, wenn England die EM gewinnt?

Wenn es nicht die Regierungen selbst sind, die sich gegen Europa stellen, sind es in vielen westeuropäischen Ländern starke politische Widersacher. Besonders schmerzlich betroffen ist das Veranstalterland Frankreich. Es wird mit immensen Kosten und Anstrengungen ein Festival ausrichten, das gute Chancen hat, den Zulauf zur extremen Rechten im Land zu verstärken und deren Aussicht auf den Gewinn der Präsidentschaftswahl deutlich zu erhöhen.

Zu Beginn der EM ist der politische Boden Europas erschüttert. In der zweiten Turnierwoche könnte England seinen Austritt aus Europa beschließen. Falls die englische Mannschaft das Turnier gewinnt, wäre es gleichsam ein Meister Ohneland, ein Team von Löwenherzen, das nicht weiß, über welches Territorium sich seine fußballerische Herrschaft erstreckt. Wie würde der türkische Präsident reagieren, wenn seine Mannschaft Europameister werden sollte? Und wie, wenn sie von den europäischen Gegnern besiegt würde? Der gesamte russische Sport steht wegen seiner Unfähigkeit oder Unwilligkeit, gegen Doping vorzugehen, kurz vor dem Ausschluss von den Olympischen Spielen in Rio. Werden seine Fußballer versuchen, sich den Dopingkontrollen zu entziehen, die vom französischen Justizministerium angeordnet werden können?

Man muss nicht mit der Politik der EU übereinstimmen, um in friedlicher Absicht eine Mannschaft zur EM zu schicken. Aber an ihr teilzunehmen und gleichzeitig die europäische Politik zu ignorieren oder mit Hohn zu kommentieren, zeigt, wie der Sport für destruktive Aktivitäten in Anspruch genommen werden kann. Gegen die Angriffe nationalistischer Regierungen und Parteien, die den Sport in ihrem Sinn politisieren wollen, kann der Fußball in Europa darauf verweisen, was er bis heute erreicht hat: friedliche Wettbewerbe der Champions League und Europaliga, die zu den hochklassigen Sportereignissen jedes Jahres gehören und ein europaweites Interesse hervorrufen, die Integration von Spielern mit fremdländischen Wurzeln in den großen europäischen Mannschaften, eine Symbolik der Verständigung, die auch von den Verlierern akzeptiert wird.

Fußballeuropa ist nicht identisch mit dem politischen Konstrukt der Europäischen Union. Aber beide sind durch ihre Ideale – offene Grenzen, übernationale Organisationen, Freizügigkeit, Anerkennung der Menschenrechte – faktisch miteinander verbunden. Fußball ist eine Leidenschaft, die in Europa eine politische Gestalt angenommen hat. Die Uefa und die Spitzen der EU sollten ein klares Zeichen gegen den Zerstörungswillen und für den Fußball à l'européenne, den Fußball auf europäische Art, setzen.