Es ist eine bekannte Dorfsportplatzweisheit: Gegen die Alten Herren ist es immer schwer. Die Alten Herren, das ist die Mannschaft der Ehemaligen, die Ü33, teilweise deutlich älter, in manchen Gegenden Deutschlands Soma (Sondermannschaft) genannt. Die schlagen wir schon, denken sich die Jungen, bevor es losgeht, die können nicht mehr laufen. Am Ende stellt sich oft raus: War gar nicht nötig für die Alten Herren, die lassen einen laufen.

Nun, ganz so hat es sich im Stade de France nicht zugetragen, aber ein bisschen hatte es etwas davon, was sich die Spanier und Italiener lieferten. Die Alten Herren, das waren die Italiener, das älteste Team des Turniers. Spanien, die Titelverteidiger,hat dagegen eine Verjüngung hinter sich. Es war das Duell zweier Teams, die in der Vorrunde am ehesten einen klaren, wenn auch unterschiedlichen Stil erkennen ließen.

Die K.-o.-Phase hatte mühsam begonnen. Erst kickten Wales und Nordirland, bis der Ball fast eiförmig war. Danach spielten Portugal und Kroatien 115 Minuten ohne Ball, hat bloß keiner gemerkt. Und jetzt trafen Spanien und Italien aufeinander. Schon, muss man sagen. Die Spanier hatten es sich selbst eingebrockt, weil sie gegen Kroatien den Gruppensieg herschenkten. Es sollte der Höhepunkt der Achtelfinalrunde werden. Man sprach vom vorweggenommenen Finale, auch weil es das Finale von 2012 war.

Barzagli, bei dem das Trikot etwas spannt

Doch in diesem Spiel passte sich Spanien dem niedrigen Niveau dieser EM an. Und die Italiener zeigten Bestes, und das in zweierlei Hinsicht. Es war ihr bestes Spiel seit Langem. Und es war das Beste, was in dieser Mannschaft steckt. Unter Anleitung ihres Trainers Antonio Conte erreichten sie ihr Optimum, also das Beste unter den gegebenen Möglichkeiten. Ihr Spiel wurde zur Demonstration von Raffinesse, Effizienz, Routine und Taktik.

Den Kern Italiens bilden fünf Alte Herr... äh, fünf erfahrene Spieler. Die drei Weltmeister von 2006: Andrea Barzagli, 35, Daniele de Rossi, 32, und Gianluigi Buffon, 38. Zudem Giorgio Chiellini, 31, und Leonardo Bonucci, mit 29 der Jungspund. Bonucci und Chiellini verfügen über exzellente Abwehrtechniken. Barzagli, bei dem das Trikot an den Schultern leicht spannt, verteidigt mit Auge, wie man unter Alten Herren sagt. Die Spanier hatten fast keine Torchance. Die beste, für Piqué kurz vor Ende, entsprang einer zufälligen Vorlage durch einen missglückten italienischen Abwehrversuch.

Aber auch im Spielaufbau machten die Italiener so gut wie nichts falsch. Auch hier sah man: Die wissen, was sie tun. Italien pflegt seit Jahrzehnten einen Stil: die hohe Kunst der Verteidigung und der Risikovermeidung. Ihn kann man in allen Nachwuchsschulen, aber auch in der Liga beobachten. Ein einheitlicher Stil gibt Sicherheit.

Ein wiederkehrendes Muster beim Spielaufbau verrät, mit welcher Selbstverständlichkeit sich die Italiener dank ihrem Stil dem Pressing der Spanier entzogen: Der erste Pass geht vom Libero Bonucci (Italien verteidigt mit einer Fünferkette) auf den rechten Innenverteidiger Barzagli – und jetzt löst sich bereits der rechte Mittelfeldspieler Parolo von seinem Gegenspieler und kommt dem Ball entgegen, obwohl der Ball erst noch die Station Florenzi, dem rechten Außenverteidiger, durchläuft. Der muss den Ball bloß noch direkt an Parolo weiterleiten, der hat durch seinen Laufweg ein paar Meter Raum. Dasselbe Spiel über links.