Sie kamen in Scharen über uns. Kaum eine Regionalzeitung, kaum ein Radiosender ist vor der EM nicht in Zoos und Tierhandlungen gestürmt und hat die armen Tierchen entführt, die sich fortan als Orakel verdingen mussten. Schnell zwei Näpfe mit Fahnen beklebt, eine Handvoll Chappi rein und dann: Friss oder Versager! Ein gnadenloses Geschäft.

Pinguine, Erpel, Elefanten, Koalas, Gorillas. Hier könnte das komplette Register des Biologiebuchs aus der 5. Klasse stehen. Alle müssen sie weissagen. Dabei werden sie einer ungeheuerlichen und geschmacksnervenaufreibenden Drucksituation ausgeliefert. Sie sollen durch ihren Fressinstinkt die Sieger der EM-Partien und in Härtefällen sogar den Europameister bestimmen. Das Ziel sind Ruhm und Ehre und später ein glorreicher Platz im Fressnapf-Himmel, wo Krake Paul wartet, der 2010 die sieben deutschen Spiele und das Finale richtig voraussagte. Doch der Weg dahin ist weit.

Die Seelöwin Astrid aus Köln lag zum Beispiel fast immer daneben, warf bei einem Tipp sogar noch versehentlich einen Pfleger ins Wasser. Das Orakel-Business ist erbarmungslos. So wie sich einige Mannschaften schon längst aus dem Turnier verabschiedet haben, so zerbrechen auch die Tiere am Druck und machen Fehler. Oobi-Ooobi, ein Koala aus dem Leipziger Zoo, weiß das. Nach zwei falschen Voraussagen in der Vorrunde gab er seinen Rücktritt bekannt und begab sich direkt in Eukalyptus-Therapie.

Andere Orakel versuchen, eigene Unzulänglichkeit durch pikante Details in ihrem Privatleben zu übertünchen. Experten sprechen vom Van-der-Vaart-Effekt.

Ein Beispiel dafür ist Erpel Gregor. Für die Märkische Allgemeine Zeitung lag er sowohl beim Eröffnungsspiel als auch bei den ersten beiden Spielen der deutschen Mannschaft grandios daneben. Doch Gregor hat eine Boulevard-Strategie entwickelt, um nicht in der Bedeutungslosigkeit der mythischen Kleintierwelt unterzugehen. Gregor wird Vater! Gregor ist verschwunden! Gregor spricht im Exklusiv-Interview! All das waren Themen, die der Erpel nebenher produziert hat. Ganz recht: Er gab tatsächlich ein Interview. Über die Einstellung eines PR-Managers für die Klecksmaschine wird noch diskutiert. Dass er nebenbei den Sieg der DFB-Elf gegen die Slowakei richtig vorausgesagt hat, gerät da zur Nebensache.

Das Federvieh hat das Business durchschaut. Doch es gibt auch die wahren Orakel. Die, die still und gut arbeiten. Eine Legende im laufenden Turnier kann zum Beispiel noch Pinguin Flocke aus Lübbenau werden. Flocke hat bisher alle Spiele der Deutschen richtig erschmeckt und kann über gescheiterte Koalas und Stolper-Erpel mit Ablenk-Schlagzeilen nur lachen. Doch auch der Pinguin kann mit nur einem Fehltritt noch von der Scholle rutschen.