"Der Sport stand nicht im Vordergrund"

ZEIT ONLINE: Nur Polen steht bei der EM im Viertelfinale. Als einziges von neun Teams des europäischen Ostens. Wer hat Sie überzeugt? 

Manfred Zeller: Die Polen sind stark. Vielleicht noch zu defensiv, um Lewandowski besser einzusetzen. Zu erwähnen wäre von den osteuropäischen Ländern auch Kroatien, das überzeugt hat und sehr unglücklich ausgeschieden ist. Für mich war die Mannschaft zuvor ein Geheimtipp. Ungarn wiederum hat in der Vorrunde begeistert – etwa beim 3:3 gegen Portugal. 

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich diese EM auf die Länder aus?

Zeller: Für die Polen, wie im Übrigen auch für Kroaten oder Ungarn, knüpft sich daran ein Patriotismus an, der, nach der politischen und gesellschaftlichen Transformation der vergangenen Jahre, integrativ wirken kann. Man muss aber vorsichtig sein: Der aktuelle Politikwandel in Polen veranschaulicht einen Kampf unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen, dessen Ausgang offen ist. Die Fußball-EM scheint da nur eine kurze Abwechslung zu bieten.

ZEIT ONLINE: Gilt das auch für andere Länder?

Zeller: Besonders für Russland und die Ukraine. Beide waren klar unterlegen und sind früh ausgeschieden. Der Sport stand nicht im Vordergrund. Das hat eine starke politische Dimension.

ZEIT ONLINE: Hat sich der anhaltende Krieg in der Ost-Ukraine auf das Team ausgewirkt?

Zeller: Das kann ich nicht genau sagen, so nah an der Mannschaft bin ich ja nicht dran. Das Land aber steht weiterhin kurz vor dem Kollaps, die substanzielle Staatskrise wirkt sich natürlich auch auf den Fußball aus. Hätte die Ukraine Erfolg gehabt, hätte es intern als ein Funktionieren der jungen Nation gedeutet werden können. Weil das Team aber schon so früh ausgeschieden ist, sprang kein Funke über.

ZEIT ONLINE: Der bekannteste Verein der Ukraine, Schachtar Donezk, muss seit dem Krieg Hunderte Kilometer entfernt der Heimat spielen. Das eigene Stadion ist zerschossen. Sehen Sie irgendwo Hoffnung auf Besserung?

Zeller: Schachtar illustriert am besten die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, unter denen der Fußball derzeit stattfinden muss. Als müsste Bayern München seine Heimspiele im Hamburger Volkspark austragen. Schachtars Aufstieg vor der Krise erklärt sich dadurch, dass sein Präsident, der Oligarch Rinat Achmetow, viel Geld in die Mannschaft steckte, aber auch durch eine geschickte Transferpolitik: Douglas Costa etwa wurde 2010 für 6 Millionen verpflichtet und 2015 für 30 Millionen an die Bayern verkauft. Der Zustand, in dem der ukrainische Fußball vor Beginn des Euro-Maidan war, repräsentierte die gesamte Ukraine: Oligarchen hatten ihre Fühler in der Politik und hielten sich Fußballmannschaften als visuellen Ausdruck ihres Einflusses. Wie sich das nun verändert, ist eine offene Frage.

ZEIT ONLINE: Auch Russland schied sehr schnell in der Vorrunde aus. Woran sind die Länder im Osten bei dieser EM gescheitert?

Zeller: Russische Kommentatoren rätseln, weshalb sich durchaus beachtliche Erfolge russischer Jugendmannschaften nicht in ein besseres Auftreten der Nationalmannschaft fortsetzen. Vor allem der inzwischen zurückgetretene Trainer Leonid Sluzki steht in der Kritik. Es war bei dieser EM aber absehbar, dass es mit diesem Kader schwer werden würde. Russland müsste eine Reform des Fußballs einleiten, ähnlich der des DFB nach dem EM-Vorrunden-Aus 2000.

ZEIT ONLINE: Man nahm das Land bei dieser EM auch wegen prügelnder Hooligans am ersten Wochenende wahr. Die Politik tat sich schwer, den Fall angemessen zu verurteilen.

Zeller: Schon in den achtziger Jahren, als sich erste Fanbewegungen bildeten, unterschied die Miliz in Russland nicht so sehr zwischen gewaltbereiten und friedlichen Fans. Das war fatal. Die moderaten Anhänger zogen sich zurück, die Gewalttätigen erhielten mehr Zulauf. Es entstand jene radikale Subkultur, die uns bis heute beschäftigt. Nimmt man den Ausschluss der Leichtathleten und das Aus bei der EM hinzu, hat Russland nun den absoluten Tiefpunkt erreicht. Bis zur WM 2018 im eigenen Land bleibt nun nur noch wenig Zeit.

Was wurde aus der Super-Liga des Ostens?

ZEIT ONLINE: Schmerzt die Russen das frühe EM-Aus?

Zeller: Sicher, denn vom Selbstverständnis her sind Erfolge im Sport der Normalfall. Das ist die Bürde einer imperialen Vergangenheit. Zwar eignete sich der Fußball zu Zeiten der Sowjetunion in Abwesenheit der USA nicht als Instrument des Kalten Krieges. Deshalb waren für die sowjetische Sportpolitik internationale Erfolge im Fußball weniger wichtig als im Eishockey. Aber im Inneren des Landes war der Fußball sehr wichtig. Der sowjetische Fußball zog seine Kraft daraus, dass Fußballhochburgen diverser Sowjetrepubliken, wie Moskau, Kiew, Tiflis und Jerewan, konkurrierten und für internationale Spiele kooperierten. Nach dem Zusammenbruch fanden sich diese Mannschaften in vier unterschiedlichen Staaten wieder, von denen nur Russland und die Ukraine eine Liga mit angemessenem internationalem Niveau hervorbrachten.  

ZEIT ONLINE: Immer wieder wurde offen darüber nachgedacht, eine postsowjetische Super-Liga einzurichten. Was ist aus der Idee geworden?

Zeller: Mit dem Konflikt in der Ukraine ist davon keine Rede mehr. Viele Ältere erinnern sich fast wehmütig an die sowjetische Fußballliga und internationale Erfolge der Vergangenheit, wie den Sieg beim Europapokal der Nationen 1960 oder die Erfolge von Dynamo Kiew in den siebziger Jahren. Ob sie sich nach den anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine jemals wieder solch eine Struktur wünschen werden, bleibt abzuwarten.

ZEIT ONLINE: Wie sieht eine Alternative zur Super-Liga aus?

Zeller: Russland und auch die Ukraine werden weiter versuchen, innerhalb der bestehenden Strukturen des europäischen Fußballs aufzusteigen. Gazprom ist Hauptsponsor der Champions League. Und Schachtar Donezk bewies durch kluge Transferpolitik, dass sie auch innerhalb der Uefa-Strukturen in der Lage sind, erfolgreich zu sein.

ZEIT ONLINE: Außer Roman Neustädter, der kurz vorher noch eingebürgert wurde, spielten alle Russen in der russischen Liga. Ähnlich sah es bei der Ukraine aus. Liegt darin auch ein Grund für den ausbleibenden Erfolg?

Zeller: Sicherlich. Dass sich zum Beispiel Kroatien so gut präsentierte, liegt ja nicht daran, dass dort so vieles richtig läuft, sondern dass wichtige Spieler in der höchsten spanischen Liga spielen. Statt einen Ost-West-Vergleich anzustellen, müsste man etwa schauen, welche Nation von der spanischen Liga am meisten profitiert.