Der Diercke-Atlas sagt: Die Walachei liegt in Rumänien, was natürlich stimmt, aber sie ist selten gemeint. Denn die andere Walachei ist dieser seltsame Ort, von dem Menschen in Deutschland reden, wenn sie vom Niemandsland reden, dem Arsch der Welt, dem Nichts, dem Punkt, an dem die Straße aufhört und man plötzlich Allrad braucht, und dahinter kommt nur noch ein Acker oder eine Hütte mit Bauschutt vor der Tür oder so eine trübsinnige Stelle, an der die Kamera von Aktenzeichen XY immer ahnungsvoll hängen bleibt. 

Seit einigen Tagen kann man mich in dieser anderen Walachei finden, gewissermaßen meiner eigenen Fanmeile, ein wenig einsam und ratlos, und das hat sogar mit Rumänien zu tun. Mit dem Eröffnungsspiel gegen Frankreich, in dem die rumänische Mannschaft erst durch ein Stürmerfoul in Rückstand geriet, dann verdient ausglich und kurz vor Schluss doch noch verlor. Da fing das an.

Natürlich gab es aufmunternde Worte, Worte des zugeneigten Bedauerns, ja, aber eigentlich waren alle für Frankreich gewesen, für Pogba und Griezmann. Und sie erzählten über die Ablösesummen, die spanische Fußballclubs bereit sind zu zahlen, für diesen oder jenen französischen Spieler, und lobten ihre Schusstechnik oder notfalls ihren Haarschnitt und wunderten sich höchstens über die kompliziert auszusprechenden Namen der rumänischen Spieler, von denen sie zuvor kaum gehört hatten.

Auch ich kannte sie ja bis dahin kaum, obwohl ich einen Lieblingsclub in Rumänien habe, Sportul Studențesc nämlich, allerdings auch nur, weil ich den Namen mochte und einmal gehört hatte, er sei von Mathematikstudenten gegründet worden und wolle so schön spielen wie der FC Barcelona, was so herzergreifend ist, wie es klingt. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren sie gerade abgestiegen in die dritte Liga oder die vierte Liga, und um überhaupt rumänischen Fußball zu sehen, muss man sich bei entlegenen, räudigen Websites anmelden und hoffen, dass der Stream durchhält und die Pornowerbung nicht allzu sehr den Browser stört.

Ich erhoffte mir anfangs mehr Aufklärung über die rumänische Mannschaft durch die ARD und das ZDF. Beide haben angeblich Hunderte Mitarbeiter zur EM entsandt, die ja nicht alle vor dem Teamhotel der deutschen Mannschaft herumlungern, minütlich bei Jogi Löw die Temperatur messen und mal wieder sagen können, dass Thomas Müller "Räume sieht, die andere nicht sehen", was ihn als Innenarchitekten immerhin qualifizieren würde. Aber das kaum verhohlene Desinteresse, das die Vorberichterstatter den Rumänen bisher entgegenbringen, heißt wohl, dass sich der Zuschauer für die Mannschaft ungefähr in dem Maße zu interessieren habe wie für die Pappkameraden, die Cristiano Ronaldo zum Freistoßtraining aufstellen lässt.

Ich erfuhr, dass die Rumänen ja immer schon für "bunte Schlagzeilen gesorgt" hätten, dass sich alle zum Beispiel früher mal die Haare blondiert haben und damit Verwirrung stifteten, und dass sie im Vergleich zu Deutschland sehr alt sind, und dass Mehmet Scholl damals eine Frage nach der größten rumänischen Fußballlegende Gheorghe Hagi mit "Gesundheit" beantwortet hat. Vor dem Spiel gegen die Schweiz kann die ARD immerhin berichten, dass der Stürmer Denis Alibec in der Halbzeitpause gegen Frankreich geraucht haben soll, was sowohl er als auch sein Trainer Anghel Iordănescu bestreiten.

"So was wollen wir hier nicht sehen"

Bei einem anderen Team hätten deutsche Journalisten sofort einen unverzüglichen EM-Ausschluss beantragt, in der Tonlage, in der sie sonst jedes kleinste Feuerwerk in Stadien besorgt kommentieren: "So was wollen wir hier nicht sehen." Aber nun, Rumänien, nicht einmal Aufregung können sie wecken in einem Land, das sonst jede vermeintliche Verfehlung eines Fußballers für das Ende des sportlichen Abendlandes hält. Als würde sich ein Land plötzlich großzügig daran erinnern, dass Klaus Augenthaler schließlich damals auch gequalmt habe wie ein Mofa, und in der Fußballepoche scheint man Rumänien noch zu sehen – als noch nicht aufgerechnet wurde, wer wie viel läuft, wer sich hinterher in der Mixed Zone widerstandslos duzen lässt und wo diese Flötenmusik aus der Bierwerbung erklingt.

Und man selbst steht rauchend und allein draußen, widmet die Zigarette feierlich Denis Alibec und fragt sich, wieso Rumänien unter allen Außenseitern sogar noch der Außenseiter zu sein scheint, dessen Existenz darauf zusammenschnurrt, der unbequeme Gegner einer anderen Mannschaft zu sein. Ein lediglich zeitraubendes Problem, das die begrönemeyerte Stimmung stört und das man überwinden muss wie Werbeblöcke, Wartezimmer oder kein 3G auf der Strecke Hamburg–Berlin. Dabei spielen sie doch ordentlich! Gabriel Torje zum Beispiel oder der Torwart Ciprian Tătărușanu.