Keine fünf Tage alt ist diese EM und schon hat sie geschafft, was es so noch nie gab. Leider nicht auf dem Feld, wo die Spiele bisher wie erwartet niveauarm und eher langweilig sind. Die dicksten Schlagzeilen schreibt dieses Turnier anderswo: fliegende Stühle, Reichskriegsflaggen, Tränengas. Und ein sogenannter Blocksturm, als also russische Fans am Samstagabend in Marseille in den Block der Engländer einfielen, produzierte Bilder, die man auf einer derart großen Bühne eigentlich schon längst vergessen gehabt zu haben glaubte.

Besonders das Verhalten der russischen Hooligans ist nun zu einem Politikum geworden. Die Uefa hat gegen den russischen Verband ein hartes Urteil gesprochen. 150.000 Euro muss er zahlen, das wird er verschmerzen können. Viel härter wirkt, dass die russische Mannschaft nun nur noch auf Bewährung mitspielt. Passiert noch einmal etwas, muss das Team nach Hause. Das wäre ein Novum bei einer Fußball-EM.

In der Erklärung der Uefa heißt es, für einen Ausschluss Russlands müsse ein Vorkommnis "ähnlicher Natur" geschehen. Eine unklare Formulierung, in die viel hineininterpretiert werden kann. In Klammern ist in der Erklärung das Schlagwort Crowd turbulences eingeschoben. Im Uefa-Regelwerk fallen unter den Punkt Crowd turbulences zum Beispiel der Sturm des Spielfeldes, das Werfen von Gegenständen, das Abbrennen von Pyrotechnik, Sachbeschädigungen, aber auch vergleichsweise harmlose Fälle wie das Benutzen von Laserpointern oder das Stören der Nationalhymne.

Kaum vorstellbar aber, dass die Uefa das russische Team nach Hause schickt, weil ihre Fans beim nächsten Spiel gegen die Slowakei am Mittwoch in die gegnerische Nationalhymne hineingrölen. In dem Urteil der Uefa geht es zudem nur um Vorfälle im Stadion. Für Straßenschlägereien oder Ähnliches fühlt sich die betreffende Disziplinarkommission der Uefa nicht zuständig.

Nun könnte man die Frage stellen, was ein Verband dafür kann, wenn seine Fans sich nicht benehmen. Schließlich kann niemand etwas für seine Anhänger. Etliche Verbände versuchen sich schon seit Jahrzehnten in Präventionsarbeit, dass aber Hooligans sich ins Auto setzen und nach Frankreich fahren, kann in einem Europa der offenen Grenzen letztlich niemand verhindern.

Im Falle Russlands aber sind Zweifel durchaus angebracht. Dafür braucht man nur nachlesen, was Igor Lebedew getwittert hat: "Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs. Weiter so!" Das Problem: Lebedew ist kein Hooligan, sondern Parlamentsvizepräsident und Mitglied der ultranationalistischen Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR). Er ist der Sohn des rechtsextremistischen Politikers Wladimir Schirinowski. Er ist aber auch, und da beginnt das Problem, Präsidiumsmitglied des russischen Fußballverbands.

Auch wenn andere russische Politiker sich gemäßigter äußerten und das Verhalten der Hooligans kritisierten, ist die Wortmeldung von Lebedew bemerkenswert. Man stelle sich vor, ein ranghoher DFB-Funktionär applaudiert verbal den deutschen Hooligans, die in Lille ebenfalls für Ausschreitungen sorgten.

Für Aufsehen sorgt in diesen Tagen auch ein gewisser Alexander Schprygin. Er ist ein Assistent und Vertrauter Lebedews, Gründer und Chef des Dachverbands der russischen Fußballfans, kurz VOB, und sitzt in einem Komitee des russischen Verbands, das sich mit Sicherheitsfragen und Fanbelangen beschäftigt. Das ist ein Problem, weil Schprygin ehemaliger Hooligan von Dynamo Moskau ist und mal als führender Kopf der russischen Neonazi-Szene galt. Schprygin wurde einst fotografiert, wie er mit dem Sänger der rechtsextremen russischen Rockband Korrozia Metalla den Hitlergruß zeigte. Einige der Songs der Gruppe sind in Russland verboten. Schprygin sagte kürzlich auch, er wolle "nur slawische Gesichter im russischen Nationalteam sehen".