Im Besprechungszimmer ihres Hotels hängt ein Bild an der Wand. Die Isländer wohnen während der EM am hübschen Lac d'Annecy, in einem ebenso hübschen Hotel mit Seeblick und noch hübscherem Pool. Doch dieses Bild erzählt mehr. Es ist das Bild eines kleinen Hundes, der ein Nashorn jagt. Was für ein Hund ist nicht genau zu erkennen, vielleicht ein Dackel, aber für wen der Hund stehen soll, ist klar. Für wen das Nashorn steht auch: Portugal, Österreich, seit Montagabend auch England.

Die Isländer schreiben gerade die herrlichste Geschichte dieser Fußball-EM. Es ist die Geschichte eines 330.000-Einwohner-Landes, das Nationen aus dem Turnier wirft, in denen es mehr Platzwarte zu geben scheint als in Island Fußballer. Wer ein Herz hat, muss diese Isländer mögen. Sie sind es, die mit ihren Erfolgen dafür sorgen, dass über diese EM am Morgen danach im Büro überhaupt geredet wird. "Island steht im Viertelfinale. Verrückt!"

Die Geschichte ist aber auch zu gut: Island ist das kleinste Land, das je an einer EM teilgenommen hat, mit weitem Abstand. Der Torhüter dreht nebenbei Filme, unter anderem das Video zu Islands Beitrag zum Eurovision Song Contest von vor vier Jahren. Der Co-Trainer hat einen Nebenjob als Zahnarzt. Der isländische Kommentator zerrt sich vor Glück die Stimmbänder. Zehntausende Fans in Frankreich lassen einen fragen, wer denn eigentlich noch zu Hause ist. Von den Daheimgebliebene schauten 98,9 Prozent im TV das Vorrunden-Spiel gegen Ungarn, was einen fragen lässt, was die anderen 1,1 Prozent geschaut haben könnten. Dazu die Island-Klischees voller netter, bärtiger, kerniger, glücklicher und gerechter Menschen plus Elfen, Feen, Vulkane, Wale und Schafe dürfen natürlich auch nicht fehlen – fertig ist die isländische Fußballsaga.

Die Isländer machen das Spielchen gerne mit. Aber innerlich, das kann man ziemlich sicher sagen, amüsieren sie sich darüber. Sie wissen, dass das Ausmaß ihres Erfolgs eine Überraschung ist. Über den Erfolg selbst sind sie aber sicher gar nicht so überrascht. In den vergangenen Jahren ist viel passiert rund um den isländischen Fußball. Das Viertelfinale ist vielleicht ein Wunder, wenn dann aber ein geplantes Wunder.

Fußball ist in Island schon lange eine nationale Obsession, jeder schaut, jeder spielt. Fußball ist in Island eine durchgeplante Angelegenheit, um die herum viele richtige Entscheidungen getroffen wurden. Island zeigt: Die geringe Größe eines Land kann ein Glücksfall sein. Wie in einem Labor können sich hier die richtigen Faktoren mischen. Ein wenig Geld und ein paar gute Ideen, dann ist vieles möglich.

Vor der Finanzkrise, gegen Ende der Nullerjahre, hatte Island viel Geld. Zusammen mit den gestiegenen TV-Einnahmen, die die Uefa an ihre Mitgliedsverbände ausschüttete, sogar sehr viel Geld. Doch anstatt es wie im Profifußball durchaus üblich in den Taschen der Funktionäre oder teuren Prestigestadien versickern zu lassen, investierte Island es in Fußballhallen, Kunstrasenplätze und vor allem da, wo jede fußballerische Zukunft beginnt: bei den Trainern.

Mittlerweile hat das kleine Land fast 800 ausgebildete Trainer, die alle die A- oder B-Lizenz der Uefa besitzen. Das ist ein gut ausgebildeter Coach auf 413 Einwohner. In England, dem Verlierer des Achtelfinales, beträgt das Verhältnis etwa 1 zu 11.000. So bekommen auch die Vierjährigen, die mit dem Fußball beginnen, nicht den motivierten, aber überforderten Vater des Stürmers an die Seite gestellt, sondern einen Trainer, der weiß, was er zu tun hat. Jeder Trainer wird bezahlt, es gibt keine Amateure.