Cristiano Ronaldo sah nach dem Spiel gegen Island so aus, als wolle er am liebsten mit dem Fuß auf dem Rasen aufstampfen. Das passte dem Superstar einfach alles nicht. Nur ein Unentschieden gegen die Isländer, diese "Männer aus dem Norden", wie Béla Réthy im ZDF feststellte.

Es war nicht das erste Mal, dass Ronaldo von den Isländern nicht bekam, was er sich wünschte. Als Cristiano einst mit dem Nationalteam nach Reykjavík reiste und seine eigene Kabine wollte, wurde ihm die Bitte abgeschlagen. Diese Episode wird gern aufgeschrieben, wenn es um den Teamgeist, die Bescheidenheit und die guten Isländer in Gänze geht. Superstar-Modus können und wollen die Isländer nicht, man nennt sich auf der Insel stets beim Vornamen.

Robustes Auftreten und Teamgeist macht noch keine erfolgreiche Fußball-Nationalmannschaft. Es hilft allerdings. Birkir Bjarnason, der das Tor für die Isländer schoss, wurde einmal von der Neuen Züricher Zeitung gefragt, ob er denn schon einmal schwerer verletzt gewesen sei. Der Mittelfeldspieler des FC Basel verneinte. Einmal nur, erzählte er, habe er sich den Ellenbogen gebrochen. Ein offener Bruch, mit herausstehendem Knochen. Aber das sei ja keine schwere Verletzung gewesen. Robust halt, "dafür sind wir ja bekannt", so Bjarnason.

Die Isländer sind nicht nur im Fußball stark, auch im Handball und Basketball sind sie erfolgreich. Die Handballer holten bei den Olympischen Spielen 2008 die Silbermedaille, Dagur Sigurðsson trainiert die deutsche Handball-Nationalmannschaft, Alfreð Gíslasonseit hat schon quer durch die deutsche Liga gecoacht, bis er beim THW Kiel landete. Die Basketballer qualifizierten sich im vergangenen Jahr erstmals für die Europameisterschaft. Und einer ihrer stärksten, Hafþór Júlíus Björnsson, der den Titel "Strongman" trägt, spielt mittlerweile gar bei Game of Thrones mit. Dort ist er "The Mountain". Wie macht ein Land mit 332.000 Einwohnern das? Das sind kaum mehr Menschen als in Bielefeld wohnen.

Aufhören, Sport zu treiben – oder in die Halle gehen

Die Stärke im Handball ist nicht so schwer zu erklären, sie deckt sich mit vielen skandinavischen Erfolgsmannschaften wie Dänemark und Schweden: Wenn das Wetter mal wieder schlecht ist, also eigentlich immer, gibt es zwei Möglichkeiten: Man hört auf, draußen Sport zu treiben. Oder man geht in die Halle. Die Isländer gehen in die Hallen.

Solche Hallen waren es dann auch, die den Isländern im Fußball die Wende brachten. Und nicht wenig Geld. Ohne das hilft der schönste Teamgeist nichts. Bevor die Finanzblase 2008 auch auf der Insel platzte, hatte das Land Geld im Überfluss. Und das wurde in Hallenplätze und Kunstrasenplätze investiert. Im Jahr 2000 wurde mit Mitteln des Staates, privater Sponsoren und etwas Geld der Fifa der erste von diversen Indoorplätzen in Island gebaut. Fußball spielen ist so auch im Januar möglich.

Zumal an der Seitenlinie keine Hobbytrainer stehen. Das Land hat 600 ausgebildete Trainer, davon fast zwei Drittel mit einer Uefa B-Lizenz. Schon Sechs- und Sieben-Jährige werden so professionell betreut. "Wir haben qualifizierte Trainer auch für die ganz jungen Spieler. Das ist sicher ein Grund dafür, dass unsere Jugendmannschaften so erfolgreich sind. Sie qualifizieren sich fast immer für große Turniere, sowohl die Mädchen als auch die Jungen", sagte der Co-Trainer  Heimir Hallgrímsson der Deutschen Welle im vergangenen Jahr. Er wird nach der Europameisterschaft den Trainerjob vom Schweden Lars Lagerbäck übernehmen, der das Team seit 2010 coacht. Die Frauennationalmannschaft steht vor der Qualifikation zur EM 2017, sie führen ihre Gruppe an und haben noch kein Spiel verloren.

Das Team, das schon in der Qualifikation in einer Gruppe mit den Niederlanden, der Türkei und Tschechien kein Heimspiel verloren hat, profitiert so von einer Infrastruktur, die Anfang der 2000er Jahre aufgebaut wurde. "Der Grund, warum ich den Job übernommen habe, ist, dass ich hier mit einer sehr interessanten Gruppe von Spielern arbeite", sagte Lagerbäck dem Guardian nach der verpassten WM-Qualifikation 2013. Drei Jahre später geht bei der EM deutlich mehr für die interessanten Isländer.

Und klar, der Sympathiefaktor stimmt – auch ohne Gnom-Rhetorik. Gegen einen Cristiano Ronaldo ist das zwar nicht so schwer, aber man muss Gylfi Sigurðsson einfach dafür mögen, dass er nach dem ersten Spiel der EM auf Facebook ein Bild von den Fans im Stadion postet. Darüber steht: "3 Prozent der isländischen Bevölkerung sind in diesem Bild."