Als ich am 5. Juli 2006 mit einem Trikot der italienischen Nationalmannschaft in die Schule ging, wusste ich, dass ich nie wieder Klassensprecher werden konnte. Es war der Tag nach dem Halbfinale der Weltmeisterschaft. Italien hatte am Abend zuvor gegen Deutschland gewonnen. Zwei zu null.

Ich ging wie jeden Morgen an meinen Platz. Kurz nach dem Unterrichtsbeginn zog ich dann eine grün-weiß-rote Fan-Perücke aus meinem Schulranzen und setzte sie mir auf den Kopf. Mit Trikot und Perrücke Italiens im Biologieunterricht: Alle waren sprachlos, so hatte ich es geplant. Es war mein Tag.

Doch in jenem Sommer habe ich es offenbar zu weit getrieben mit meiner fußballerischen Italophilie. Anders ist es nicht zu erklären, dass mir fortan bei jedem iatlienischen Ausscheiden alte Schulfreunde schreiben: "Nicht schlimm" oder einfach nur "Ciao". Derartige kurze Nachrichten können in der Aufgewühltheit nach einem Fußballspiel wirklich wuchtig werden.  

Wann trifft Italien auf Deutschland?

Inzwischen sind wir natürlich sportlicher. Ob ich diesmal nicht besser gleich für Deutschland sei, wurde ich noch vor der ersten Begegnung bei dieser EM von meinen Fußballfreunden gefragt. Ich schlug vor, erstmal gemeinsam Belgien gegen Italien zu schauen.

Die goldene Generation Belgiens sei ein Favorit auf den EM-Titel, hieß es in den Vorberichten. Italien sei das nicht. Hazard, De Bruyne, Fellaini und Lukaku – was für eine Offensive! Da könne Italien nicht mithalten. Das ließen mich auch die Fußballfreunde wissen. "No Pirlo, no Party", sagt einer und grinst. Ich sage, dass Deutschland im Viertelfinale auf Italien treffen könnte und grinse zurück.

Ein Tor wie ein Dessert

Als das Spiel beginnt, sagt Steffen Simon, dass die italienische Mannschaft die älteste Startaufstellung der EM-Geschichte habe. Simon sagt aber auch, dass es nach den Hymnen bereits 1:0 für Italien steht. Simon sagt, Italien führt. Doch auf dem Platz macht Belgien zunächst den besseren Eindruck. Italien wirkt unpräzise. Viele Bälle springen über die kleinen italienischen Außenspieler ins Aus.

Die Dreierkette steht sicher. Italien halt. Bis auf einen Schuss des Belgiers Nainggolan, den Buffon abwehrt, passiert nicht viel. Die Italiener lassen spielen und taktieren sich heimlich in die Begegnung. Dann kommt Bonucci. Der Abwehrspieler von Juventus Turin, der nicht einmal vor Dieben Angst hat, tritt den Ball so punktgenau auf Giaccherini, dass dieser frei vorm belgischen Kasten den Ball nur noch am Torwart vorbei legen muss. Ein Zuspiel wie ein zartes Tiramisu, ein Abschluss wie der Espresso dazu. 1:0.