Der Karnevalist unterscheidet zwischen Lachern, Brüllern und Schenkelklopfern. Was der in Polen geborene Urkölner Lukas Podolski auf der DFB-Pressekonferenz lieferte, war definitiv ein Schenkelklopfer, die höchste Kategorie. Die Leute im Saal schmissen sich weg, manche hatten noch Minuten später Tränen in den Augen.

Wäre es eine Prunksitzung im Kölner Karneval gewesen, die Kapelle hätte mindestens drei Mal den Tusch blasen müssen. Podolski wollte etwas zurechtlegen und sagte: "80 Prozent von Euch und auch ich, wir kraulen uns auch mal an den Eiern." Das war zwar nicht gendergerecht ausgedrückt, kam aber bei 100 Prozent der Anwesenden gut an, unabhängig davon, ob man sich selbst zur Mehrheit zählte oder zu den anderen 20 Prozent.

Es war nicht das übliche PR-Geplapper, sondern echte Fußballersprache. Den großen Applaus erhielt Podolski aber auch deshalb, weil er etwas zum öffentlichen Thema gemacht hat, das zwar so gut wie jeder kennt, über das aber auch jeder betreten schweigt: ein Video von Joachim Löw vom Ukraine-Spiel.

Es ist paradox: Dieser Clip, in dem es eigentlich nicht nur um Eier geht und nicht nur ums Kratzen, hat auf YouTube Millionen Aufrufe. Die Leute schicken sich über WhatsApp lustige Memes und Gifs. Er ist Gegenstand vieler Privatgespräche, geführt meist hinter vorgehaltener Hand. Manche stellen voller Bewunderung fest, wie unbeobachtet man sich als Trainer bei einem Spiel einer Europameisterschaft fühlen kann.

Doch die Zeitungen meiden das Thema, aus Pietät, Scham oder Anstand. Der Reporter, der es ansprach, tat das trickreich. Er fragte nicht, ob die Spieler ihrem Trainer noch die Hand geben. Sondern, mit gespielter Empörung, ob es ihnen gestunken habe, dass das italienische Fernsehen die Szene überhaupt gezeigt hatte, oder ob es ihnen, sinngemäß, am Arsch vorbeigehe. Er forderte Solidarität der Spieler mit ihrem Trainer ein und erhielt sie.

Podolski stellte sich vor Löw, doch verursachte er mit seinem ehrlichen Moment auch große Augen beim Pressesprecher. Der DFB hat kein Interesse an Publicity dieser Bilder, auch wenn sie womöglich den Absatz von Löws Sponsor Nivea steigern könnten. Der Verband hat sogar die Uefa angefragt, ob man sie wirklich hätte zeigen müssen. Auch Podolski war ein wenig erschrocken über die Reaktion seines Publikums, vermutlich ist ihm klargeworden, dass er der Welt die Sache mit seiner direkten Sprache etwas zu konkret vor Augen führte.