24 Mannschaften treten bei der Fußball-Europameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEITmagazin die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier:

Kroatien

Sind das nicht die mit den karierten Trikots? Und den Spielernamen, die nur aus überdachten Konsonanten bestehen? Kroatien ist eine dieser Ach-die-sind-ja-auch-dabei-Mannschaften. Eine, der man als deutscher Fan keine große Aufmerksamkeit schenkt. Als Topfavorit hat man eben andere Sorgen: die eigene Gruppe, vor allem aber andere Topfavoriten – Frankreich, Spanien, Italien. Kroatien? Onkel Karl-Heinz weiß erst gar nicht, wer gemeint ist. Jugoslawien gibt es ja nicht mehr, das sind jetzt ganz viele Länder, Onkel Karl-Heinz. Ja, Ćevapčići ist eine regionale Spezialität, aber "Fresser" ist ein sehr abwertender Begriff, Onkel Karl-Heinz.

Des Onkels teutonischer Hochmut ist schnell verflogen, sobald man ihm den kroatischen Kader vorliest. Dort finden sich Namen wie Mario Mandžukić, der zuvor für Bayern und Atlético Madrid, aktuell für den italienischen Dauermeister Juventus Turin stürmt. Ivan Perišić, der bei Verteidigern in der Serie A als Linksaußen von Inter Mailand regelmäßig wunde Lungen verursacht. Dessen Namensvetter Ivan Rakitić, der Messi, Suárez und Neymar als Spielmacher beim FC Barcelona mit Bällen versorgt und gern auch selbst das eine oder andere Tor schießt. Luka Modrić, der den anderen Galaktischen des aktuellen Champions-League-Siegers Real Madrid im defensiven Mittelfeld den Rücken freihält und ihr Umschaltspiel dirigiert. Der erfahrene Kapitän Darijo Srna, den eine Menge Topclubs über die Jahre auf der Einkaufsliste hatten, aber seit 2003 nicht von Schachtar Donetsk loseisen können. Überdachte Konsonanten, mit denen sich die Personalabteilung jedes Topclubs gerne abmühen würde. Da bleibt Onkel Karl-Heinz der Curry King im Hals stecken.

Nun neigt der gemeine Sportjournalist dazu, solchen Teams den Stempel Goldene Generation aufzudrücken. In diesem Fall nicht nur klischeehaft, sondern schlicht unangemessen. Bei Europameisterschaften hat Kroatien schließlich schon immer überzeugt. Seit der Staatsgründung 1991 hat sich das Team in rot-weißen Karos für fünf von sechs Turnieren qualifiziert. Die gleiche Bilanz wie die Niederlande, Frankreich und England. Kroatien hat immer wieder herausragende Fußballspieler hervorgebracht. Einige von ihnen sind heute auch als Trainer erfolgreich, Slaven Bilić und die Gebrüder Kovač etwa. Davor Šuker, Nationalheld und Torschützenkönig der WM 98, ist aktuell Präsident des kroatischen Verbands.

Die Kroaten sind teuer, modisch ausgefallen und haben beste Voraussetzungen, bald von der Szene aus den Mainstream zu erobern. Ein Traum für jeden Fußballhipster, der Nationalmannschaft gewordene Morning Rave. Sollte die Mannschaft tatsächlich etwas reißen, kann man leicht begründen, warum man es von Anfang an hat kommen sehen. Sollte sie scheitern, hat man ehrenhaft zu den Underdogs gehalten. Ich stelle schon mal die Mate kalt.

Warum wird Kroatien Europameister?

Fakten, Fakten, Fakten. Und genauso viel Kitsch. Obwohl Kroatien mit Weltklassespielern gespickt ist, rechnet niemand mit dem Titel. Beste Voraussetzungen für die romantischste EM-Geschichte seit dem griechischen Epos von 2004.

Warum nicht?

Niemand will Nazis eine Freude machen. Kroatien hat immer wieder mit Nationalisten und Faschisten in den eigenen Fanreihen zu kämpfen. Vor einem Jahr musste die Mannschaft um ihre Teilnahme an der EM bangen, nachdem Unbekannte vor einem Qualifikationsspiel gegen Italien ein Hakenkreuz in den Rasen geätzt hatten. Die Uefa beließ es bei einem Punktabzug, statt Kroatien zu disqualifizieren.

Wer ist der geheime Star des Teams?

Die PR-Abteilung. Dass Kroatien nicht als Favorit gilt, ist unglaublich. Ein taktisches Kunststück, bei dem Sun Tsu ganz feuchte Augen bekommen hätte.