Was machten die Hauptdarsteller in der entscheidenden Szene dieses 1:0-Siegs Deutschlands über Nordirland? Das, was sie den ganzen Abend taten, ob die Deutschen am Torwart scheiterten, Pfosten oder Latte trafen oder einfach vorbeischossen. Die Fans aus Nordirland sangen. Sie sangen einfach weiter, auch als der Ball dann doch reinging und ihre Hoffnung auf einen Erfolg vernichtete.

Nach zwei dürftigen Spielen kehrte im letzten Vorrundenspiel die Lust der Deutschen am Angreifen zurück. Sie erspielten sich Chancen für drei Spiele und vergaben fast alle. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, spielte allerdings keine große Rolle. Was die Deutschen machten, war zweitrangig. Die Helden dieses Spiels trugen grüne Hemden, tanzten auf den Rängen und sangen und sangen.

Für Außenstehende ist nicht schlüssig zu erklären, was die verrückten Nordiren da in Frankreich seit Turnierbeginn veranstalten. Es ist auch für Experten nicht leicht zu entschlüsseln. Halten wir es mit den Fakten: Ein Fußballfan aus dem englischen Wigan besang vor wenigen Monaten ein Selfie-Video und lud sein Lied, Freed from Desire, auf YouTube hoch. Dabei variierte er den Text dieses Eurodance-Songs aus den Neunzigern und widmete ihn seinem Lieblingsspieler, dem nordirischen Torjäger Will Grigg. Das geht so:

"He will score goals / he will just score more and more / he will score goals / that's what we signed him for / Will Grigg's on fire / your defence is terrified! / Will Grigg's on fire / Na na na na na na na na na na na na!"

Da Zigtausende Nordiren das nun den lieben langen Tag und an allen Orten singen, wo sie aufkreuzen, ist das Lied in Frankreich ein Gassenhauer. Die Leute machen mit. Fans anderer Länder übernehmen es, stimmen Will Grigg selbst an. Will Grigg hat bislang übrigens noch nicht mitgespielt, saß nur auf der Bank.

Mehr Konzert als Fußballmatch

Schon eine Stunde vor dem Anpfiff hüpften Tausende synchron und schmetterten das Lied immer und immer wieder. Weil der Stadion-DJ das Lied auflegte oder einfach so. Wie oft sie ihren Hit während des Spiels zum Besten gaben, kann man gar nicht mehr sagen. Gut zwanzig Minuten nach dem Abpfiff, kein Nordire schien gegangen zu sein, legte der DJ das Lied noch zwei Mal auf. Und dann war wieder Feuer im grünen Block. Der Verlierer machte die Party.

Es war höchstens ein halbes Fußballmatch, eher war es ein Konzert. Man erwischte sich beim Kopfnicken, die Füße wippten, man sang leise mit und hoffte, sie würden nie aufhören. Taten sie auch nicht. Irgendjemand muss die Nordiren aufgezogen und den Schlüssel weggeworfen haben.

Sie haben zudem ein gutes Gefühl für Rhythmus und Melodie. Auf der Insel ist es ja nicht nur Tradition unter Fans, sich volllaufen zu lassen und sich die Birne einzuhauen, sondern Popsongs umzudichten. Da haben uns die Briten ein bisschen was voraus. Recht verstanden, auch die deutschen Schlager- und Schunkelhits, die Schlachtrufe und Märsche sind nett. Und wir hatten ja auch die Fischer-Chöre.