Die Länderspielkarriere des ungarischen Nationaltorhüters Gabor Király begann am 25. März 1998 im Praterstadion zu Wien. Nach sieben Minuten hielt er einen Elfer von Toni Polster. Ungarn besiegte Österreich 3:2, Király war damals 22 Jahre alt. Mit 40 gab er nun endlich sein Europameisterschaftsdebüt. Der Frischling avancierte unverzüglich zum Methusalem der EM-Geschichte. Zur Feier dieser Kuriosität waren abermals die Österreicher geladen, nach Bordeaux. Austria felix trauerte, als das Auftaktspiel der Zwergengruppe F zu Ende war.

Musste es so kommen? Mitnichten.

Österreich stieß an. Sekunden später donnerte der goldgelockte Alaba an Királys rechten Pfosten. Nach zehn Minuten artillerierte er erneut. Die Ungarn antworteten mit zwei Böllerchen ihres Rotschopfs Kleinheisler. Österreich marschierte, freilich weniger strategisch als mit den Methoden der Wilden Jagd. Arnautović fegte durch die ungarische Deckung, Junuzović zerrte und hakte sich in ein Magyarenbein. Der treffliche französische Schiri Clemens Turpin verweigerte das Elfmetergeschenk, gewährte Österreich jedoch nach einer halben Stunde eine prima Freistoßchance. Alaba  drosch die Kugel in die Mauer. Dann wieder Junuzović: Mit rasantem Dropkick-Aufsetzer zwang er Király – auf Deutsch: König – zu einer festlichen Parade.

Es kam die 41. Minute. Sie ließ die ganze Welt  begreifen, warum der VfB Stuttgart aus der Bundesliga abgestiegen ist. Arnautović zauberte mittig einen Hackenpass nach rechts an den verwaisten ungarischen Fünfmeterraum. Der Noch-Stuttgarter Harnik eilte herzu und schoss den Ball anstatt ins leere Ungarntor sich selbst ans linke Knie.

Solche Tragik ist Austrias Fußball durchaus vertraut. Völlig neu war der überbordende Optimismus vor dieser Partie. Er rührte von der souveränen EM-Qualifikation der österreichischen Elf, desweiteren vom Gegner. Ungarn schrieb Sport-Weltgeschichte. Binnen eines halben Jahrhunderts hatte, so schien es, die einst beste Kickernation dieses Planeten das Fußballspiel völlig verlernt und galt als größter Außenseiter der EM. Erstaunlicherweise zwang jedoch Stürmer Dzsudzsák bald nach der Pause Österreichs Goalie Almer zur doppelfäustigen Parade. Junuzović musste verletzt vom Platz. Es kam Sabitzer, sodann die 62. Minute. Ein bremischer und ein hannöverscher Ungar, Kleinheisler und Szalai, spielten irrwitzig Doppel-Doppelpass, fallend spitzelte Szalai den Ball in Almers Tor. Orgiastischer Jubel in Weiß, lähmendes Entsetzen bei den Roten.

Noch blieb Österreich Zeit. Okotie ersetzte den windstillen Stürmer Janko. Dann kulminierte das Spiel. In der 66. Minute klärte Kadar für Ungarn in höchster Not. Sekundensplitter darauf trat ihm Dragović vors Knie, drosch Hinteregger den Ball in Királys Tor. Pfiff! Kein Tor, Platzverweis für Dragović. Und nun ritten die Ungarn Konter, Mal um Mal. In Unterzahl schwanden Österreichs Kräfte. Einzelattacken von Arnautović, Sabitzer, Alaba verpufften. Drei Minuten vor Ultimo verlor Baumgartlinger den Ball. Ungarns Einwechsler Priskin und Stieber starteten die finale Show, an deren Ende Stieber den verzweifelten Almer überlupfte.

War es das schon, Österreich? Kopf hoch! Der nächste Gegner heißt Portugal und ist, inklusive Ronaldo, bei großen Turnieren schwach. Allerdings Island ...