Pfosten. Susana steht, die Arme hochgerissen, das Bier verschüttet, aber das merkt sie noch gar nicht, denn jetzt ist erst mal Pfosten. Cristiano Ronaldo hat in der 79. Minute gerade einen Elfmeter für Portugal gegen Österreich an den Pfosten geschossen. Dong. Susana setzt sich wieder, die ganze Bar ist am Boden.

Was ich hier mache: Als Pate bin ich verpflichtet, den Portugiesen in Notlagen beizustehen. Aber das fiel mir schwer nach dem Spiel gegen Island, als Ronaldo die kleingeistigste Seite des Fußball zeigte, die des schlechten Verlierers. Zuerst wollte er sein Trikot nicht mit dem des isländischen Kapitäns tauschen. Dann sagte er im Interview: "Die Isländer haben nicht versucht zu spielen, sondern nur verteidigt, verteidigt, verteidigt. Das zeigt eine kleine Mentalität, so werden sie in diesem Turnier nichts reißen." Darf man als Pate sein Team auch unsympathisch finden?

Um das zu verhindern, suchte ich mir eine portugiesische Bar, in der Hoffnung, mit genug Super Bock, wie das Bier hier heißt, und einem Haufen motivierter Portugiesen würde ich mich schon zurechtjubeln.

"Das kannst du aber nicht schreiben"

Funktioniert ganz gut. Das Bier schmeckt und ich habe extra noch einen befreundeten Fußballexperten mitgenommen, der mich während des Spiels mit interessanten Details versorgt. Als in der 31. Minute etwa Portugals Quaresma eine Gelbe Karte sieht, übersetzt mein Experte für mich, was Quaresma dem italienischen Schiedsrichter auf Italienisch entgegenwirft: "Was macht du für einen Scheiß?" – "Quaresma hat lange in Italien gelebt", sagt er.

Die erste Halbzeit läuft gut für Portugal, sie können einige Chancen herausspielen. Nur vor dem Tor will es nicht so recht klappen, vor allem weil Österreichs Torwart Robert Almer partout nicht einsehen will, dass die Portugiesen doch so langsam mal ein Tor verdient hätten.

Als den Portugiesen ein Angriff misslingt, kommentiert eine der anwesenden Frauen das ausfallend. Auch wenn ich kein Wort Portugiesisch kann: Manche Worte sind unverkennbar. "Das kannst du aber nicht schreiben", sagt Susana. Sie ist 2001 nach Berlin gekommen, zum Praktikummachen und dann kam das Übliche dazwischen, Mann, Kinder und jetzt sitzt sie eben hier und hofft, dass es endlich klappt mit dem Sieg für Portugal.

Also gleich zur Gretchenfrage: Was hält sie von Ronaldo? "Schwierige Frage. Frag mich nach dem Spiel noch mal."

Die Bar bietet mir die Möglichkeit, nach meiner eigenen fußballfernen Analyse der portugiesischen Nationalmannschaft mal herauszufinden, wie die Portugiesen es eigentlich mit Ronaldo halten. Ich hatte die These aufgestellt, dass sie ohne ihn besser dran wären.

Ronaldo: Nummer, aber kein Name

In der Halbzeit hat Susana mehr Zeit. "Eigentlich besteht die Nationalmannschaft aus Ronaldo plus zehn. In Portugal schaut von jeder Werbung nur Ronaldo, Ronaldo, Ronaldo. Und da entsteht natürlich ein enormer Druck. Der macht ihm Probleme, denke ich." Auf Susanas Trikot steht kein Spielername, sondern "Portugal". Darunter die sieben. Das ist Ronaldos Spielernummer. Meinst du, ohne Ronaldo wäre es besser? "Wahrscheinlich, ja."

Dass die zweite Halbzeit begonnen hat, erfahre ich dank der Lautstärke: Stefan Ilsanker hämmert für Österreich auf das portugiesische Tor, den Portugals Torwart Rui Patrício gerade noch mit einem ordentlichen Sprung entschärfen kann. Aber Portugal spielt jetzt noch besser als in der ersten Halbzeit, Ronaldo liefert sich ein kleines Privatduell mit Almer, das aber in der 78. Minute entschieden scheint.
Es gibt Elfmeter.

Ronaldo und der Super-Bock

Ronaldos Chance. Seine Chance, Portugal ins Achtelfinale zu schießen. Sein Moment, es allen zu zeigen, die seine Arroganz und sein Gehabe abfällig betrachten. Zu zeigen: Ich kann es, mir doch egal, was ihr denkt. Er läuft an, zieht den Ball in die linke Ecke. Doch dann steht er da, der Pfosten. Und mit ihm Susana und die ganze Bar.

Ronaldo hat den Super-Bock geschossen. Er dreht sich weg vom Tor, schlägt die Hände vors Gesicht, macht noch einen Schritt ins Nichts. Drei Österreicher laufen an ihm vorbei. Abstoß. In dieser Minute des Spiels gegen Österreich ist Cristiano Ronaldo der einsamste Mensch der Welt.

In der Bar wird kommentiert, so wie große, vertane Chancen eben kommentiert werden: schreiend, beide Arme auf die Leinwand richtend, aber es hilft ja nichts. Susana setzt sich wieder. Das Bier ist umgekippt. Taschentuch?