24 Mannschaften treten bei der Fußball-Europameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEITmagazin die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier:

Schweden

Es liegt an Fimpen, dem Knirps – und natürlich auch ein wenig an Ralf Edström, dem Hippie-Stürmer. Fimpen, der Knirps, war, als ich selbst noch über die Brascheplätze meiner Kindheit stolperte, ein so geniales Fußball-Talent, dass er im Alter von sechs (!) Jahren in die schwedische Nationalmannschaft berufen wurde. Ein sehr früh vollendeter Messi aus Hammarby. Zusammen mit dem großartigen Ronnie Hellström, dem schwedenblonden Torwart mit dem ewig gleichen Schnäuzer, dem wieselflinken Roland Sandberg, dem schwedenblonden Stürmer mit dem lustigen Laufbuckel, und dem langmähnigen Schlaks Ralf Edström, dem zwar alles Schwedenblonde fehlte, der sich dafür aber rührend um den Knirps kümmerte, lief Fimpen in den Qualifikationsspielen für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 für den Svenska Fotbollförbundet auf. Im entscheidenden Spiel – leider habe ich vergessen, gegen wen – knirpste Fimpen das entscheidende Tor – und Schweden durfte zur WM nach Deutschland.

Ich war wahnsinnig enttäuscht, dass Fimpen, der Knirps, bei der WM dann doch nicht spielte. Zuerst dachte ich, er sei verletzt, und machte mir große Sorgen; doch dann erklärte mir mein Vater, dass es Fimpen gut gehe, dass er aber nicht in der Wirklichkeit Fußball-Nationalspieler sei, sondern nur im Film – und zwar in Fimpen, der Knirps. Fimpen, der Film-Knirps, war zwar nicht dabei, aber wie sehr habe ich mich gefreut, als ich all seine Freunde wiederentdeckte: den großartigen Hellström, den Buckelläufer Sandberg – und Edström, den Riesen mit der dunklen Mähne, den Hippie, der immer so nett war zu Fimpen. Hellström, Sandberg und Edström waren also keine Film-Fußballer, sondern echte Nationalspieler! Von da an war ich für Schweden. Was habe ich gejubelt, als die Schweden nach Unentschieden gegen Bulgarien und die Niederlande Uruguay mit 3:0 schlugen – und weiterkamen.

Unter dem Regen von Düsseldorf

Damals, die Älteren werden sich erinnern, folgte auf die erste eine zweite Gruppenphase – und in der kam es dann zum Duell der Schweden mit uns, mit Deutschland. Als Peter, der Knirps, spürte ich Gefühle in mir wach werden, die viele, wie ich später noch lernen sollte, als "unpatriotisch" bezeichnen: In der Regennacht von Düsseldorf fieberte ich heimlich mit den Schweden. Als Edström, der nette Hippie, den Ball volley aus der Luft nahm und ihn ins Tor von Sepp Maier jagte, unterdrückte ich noch einen Jubelschrei, beim 2:2 durch den buckligen Sandberg kam er dann raus, was den Rest der Familie mittelprächtig entsetzte: Stimmt was nicht mit unserem Knirps? Geht schon in die Schule – und weiß immer noch nicht, dass Deutschland nicht in Gelb-Blau spielt. Deutschland gewann am Ende 4:2, wurde Weltmeister, doch mein Fußballherz war verloren – an Schweden.

Heute weiß ich zwar längst, dass die Schweden technisch keine Brasilianer, taktisch keine Italiener und weder von der Raumaufteilung noch vom Ballbesitz her Spanier sind, doch meine Grundsympathie für alles Schwedische hat die Jahrzehnte überdauert. Wenngleich ich auf die schwedischste aller Schweden-Fragen nie eine Antwort fand: Ist Agnetha besser als Frida oder Frida besser als Agnetha? Mal so – und mal so.

Wenn die Schweden nun in den kommenden Wochen bei der Europameisterschaft in Frankreich auf die mitfavorisierten Belgier und Italiener sowie auf die Iren treffen, werde ich mein uraltes gelbes Trikot, das verblasst noch viel strahlender wirkt als jedes BVB-Gelb, wieder überziehen, mir eine Packung Köttbullar aus dem berühmten Möbelhaus warm brutzeln und feststellen, dass der schwedische Fußball mit jedem Schluck Mariestads Export, Norrlands Guld oder Småland – schwedisches Bier muss man mit Verstand trinken, sonst wird man schnell so arm, wie Holland bei dieser EM dran ist – besser wird. Und wenn Zlatan Ibrahimović im entscheidenden Spiel das entscheidende Tor macht, werde ich denken: Ist doch ganz schön groß geworden, Fimpen, der Knirps.

Warum wird Schweden Europameister?

Weil Schweden 2015 überraschend U21-Europameister wurde und sechs Spieler dieser Mannschaft jetzt im Aufgebot für Frankreich stehen. Ihre Jugend wird das Steh-Fußballer-Genie Zlatan Ibrahimović zu letzten Großtaten tragen. The winner takes it all.

Warum doch nicht?

Weil das Steh-Fußballer-Genie Ibrahimović gegen die ambitionierten Belgier sein Waterloo erlebt, da ihn außer Money, Money, Money nichts mehr interessiert, sodass am Ende seiner Karriere die grellen Lichter der Super Trouper schlagartig erlöschen. So long, see you honey

Worauf ist zu achten?

Auf Emil Forsberg. Wer es unter dem Erwartungsdruck bei RB Leipzig zum notenbesten 2.-Liga-Kicker des Kicker schafft, muss schon ziemlich erstklassig sein. Mamma mia!

Zu den anderen Teams