24 Mannschaften treten bei der Fußballeuropameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEIT MAGAZIN die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier:

Tschechien

Manchmal liegt nur ein Buchstabe zwischen Gedeih und Verderb. Tschechiens Fußballnationalmannschaft musste über viele, viele Jahre unter dem unerträglichen Titel "Geheimfavorit" an Europameisterschaften teilnehmen. Aber diesmal, 2016, ist ein entscheidendes H dazugekommen. Die Tschechen sind jetzt Favoriten auf schnelle Abreise. Man könnte sagen: Geh-Heim-Favorit.

Aber vielleicht spielt es sich so ja viel leichter.

Vor genau 12 Jahren sprach man über Tschechiens Team jedenfalls noch so selbstverständlich von der "Goldenen Generation", wie man über Prag als Goldene Stadt spricht. Bei der EM 2004 in Portugal spielten diese Tschechen einen dermaßen überragenden Fußball! Denn im Tor stand dieser unglaubliche Peter Čech. Im Mittelfeld dieser geniale Tomáš Rosický! Letzterer in perfekter Harmonie mit Stoßstürmer Jan Koller, beide bei Borussia Dortmund unter Vertrag.

Dann kam das Halbfinale, Tschechische Republik gegen Griechenland. Griechenland damals: glasklarer Geh-Heim-Favorit. An Tschechien würden die Griechen scheitern, dachte auch ich, 16-jährig da-heim auf dem Sofa sitzend, eifrig mitfiebernd mit Koller, Rosický, Pavel Nedvěd, Milan Baroš.

Das Spiel jedoch entwickelte sich mannigfaltig tragisch und so gar nicht golden. Tomáš Rosický, ein Mann, der mit seinen unteren Extremitäten derart gefühlvoll umzugehen weiß, dass er gewiss auch als erster Fuß-Pianist der Weltgeschichte hätte Karriere machen können, setzte den entscheidenden Schuss an die Querlatte. Griechenlands Traianos Dellas dagegen, von Cheftrainer und Maurermeister Otto Rehagel als Libero aufgestellt (wie alle anderen Griechen an diesem Tag offenbar auch) – Dellas also haute ein verdammtes unhaltbares Kopfballding nach einer fies gespitzelten Ecke in der Verlängerung ins Tor von Peter Čech.

Ich saß da und schluchzte. Rosický, glaube ich, schluchzte auch. Griechenland ermörtelte sich später sogar den EM-Titel.

Was hat sich seitdem für die Tschechen verändert? Zunächst mal nicht so viel. Rosický und Čech spielen immer noch. Letzterer ist weiterhin einer der besten Torhüter der Welt, Ersterer kann immer noch Zuckerpässe spielen wie ein tschechischer Pirlo. (Übrigens: Rosickýs Zuspiele sind wie böhmische Biere: Schon nach dreien oder vieren davon wird einem schwindlig, aber man will mehr, mehr, mehr.)

Aber es hat sich seit 2004 eben doch alles verändert. Rosický ist jetzt 35, er hat in diesem Jahr für seinen Verein Arsenal London ungefähr ein Pflichtspiel absolviert, weil er ständig verletzt war, jetzt läuft sein Vertrag aus. Pavel Nedvěd, Milan Baroš und Jan Koller sind gar nicht mehr da. Stattdessen spielen nun Leute wie der Bremer Gebre Selassie und der Berliner Vladimír Darida, vielleicht kennt man als Bundesliga-Fan auch noch den Hoffenheimer Pavel Kadeřábek.

Ach ja, noch eine Hiobsbotschaft: In Tschechiens Gruppe spielen Spanien, Kroatien und die Türkei.

Aber googeln Sie mal das Volley-Tor, das Tomáš Rosický gerade beim Testspiel gegen Russland geschossen hat, Anfang Juni 2016, und dann reden wir noch mal, ob es nicht doch Hoffnung gibt.

Warum wird dieses Team Europameister?

Weil es Tomáš Rosickýs letzte Chance ist, einen wirklich großen Titel zu holen. Und weil Tschechien in Gruppe D auch nur auf Spanien, Kroatien und die Türkei trifft.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil es immer schief ging, wenn's drauf ankam. Tschechien ist das einzige Team, das jemals durch ein Golden Goal (Oliver Bierhoff, EM-Finale 1996) und durch ein Silver Goal (Traianos Dellas, EM-Halbfinale 2004) besiegt wurde.

Auf wen sollte man achten?

Pavel Vrba, den Trainer: Einst übernahm er Viktoria Pilsen als bedeutungsloses Team und machte es zur tschechischen Über-Mannschaft. Aus ausgemusterten Profis anderer Vereine schmiedete er, quasi in Darmstadt-Manier, eine Meister-Mannschaft. Wenn Tschechien Europameister wird, dann dank ihm.