Ich persönlich finde es beim Sport ja gut, wenn das Ergebnis nicht egal ist. Wenn es echte Gewinner gibt und echte Verlierer, Mannschaften, die in Turnieren weiterkommen, und solche, die ausscheiden. Es können nicht alle Sieger sein.

Wenn Sie so etwas auch spannend finden, dann empfehle ich Ihnen, ab sofort mal nach Frankreich zu schauen, denn dort hat mit zehntätiger Verspätung nun doch noch ein recht spannendes europäisches Fußballturnier begonnen.

Die türkische Nationalmannschaft hat ihr Spiel gegen Tschechien mit 2:0 gewonnen, sie steht damit möglicherweise in der nächsten Runde der Europameisterschaft und die Tschechen fahren nach Hause. Nun hatten die Türken zwar vorher schon zwei Mal gespielt, aber die Uefa hat sich bei dieser Europameisterschaft einen Modus gebastelt, der die ersten beiden Gruppenspiele zu besseren Freundschaftskicks degradiert. Es ist offenbar fast egal, wie sie ausgehen. Man kann sie – wie die Türkei – beide verlieren (0:1 gegen Kroatien, 0:3 gegen Spanien), solange man das dritte Spiel gewinnt, stehen die Chancen sehr gut, weiterzukommen. Erst dann zählt es: ganz oder gar nicht.

Das ist für die Türken insofern praktisch, da sie ohnehin nicht anders können. Als in der 90. Minute Burak Yılmaz, der Torschütze zum 1:0, bei seiner Auswechselung mit weit aufgerissenen Augen immer wieder auf das türkische Wappen auf seiner Brust klopfte und Kusshände ins Stadionpublikum warf, und als kurz darauf vor meiner Haustür in Berlin-Wedding die Autokorsos begannen und die Böller und die Gesänge, da konnte man fast vergessen, wie schlimm alles noch wenige Stunden zuvor ausgesehen hatte.

Die Türkei war bis dahin ja gar nicht wirklich Mitglied bei dieser EM. Das war höchstens eine privilegierte Partnerschaft. Das Land darf ein bisschen mitkicken, aber mitbestimmen, gestalten gar, kann sie das Spiel nicht. Das musste niemand so beschließen, da brauchte es keine CSU dazu, das hat die Türkei sich ganz allein so eingebrockt mit ihren lustlosen, indiskutablen Auftritten in den ersten zwei Spielen.

Dann stritten sie sich auch noch über Haare. Tufan hatte sich kurz vor dem Gegentor beim Spiel gegen Kroatien lieber noch mal die Frisur gerichtet als zu verteidigen, und das war natürlich ein wunderbares Bild für die ganze, pomadige Mannschaft. Die Fans pfiffen ihren Star Arda Turan aus und bepöbelten den Trainer Fatih Terim und seine Kinder bei Twitter. Schließlich schaltete sich gar aus Ankara der, dessen Name nicht genannt werden muss, ein, um die Nationalmannschaft in Schutz zu nehmen, was den Druck ja auch nicht gerade gemildert haben dürfte.

Einlaufkind in der Startelf

Dann kam Emre Mor. Ein 18-jähriger Hänfling, der schon bei der Hymne zwischen den großen, schwarzbärtigen Kollegen aussah wie eines der Einlaufkinder. Mor gab gegen Tschechien sein Startelfdebüt, und vielleicht war er einfach zu jung, um all den Druck zu spüren, jedenfalls lief er auf Wegen durchs Mittelfeld, auf denen bei dieser EM nie zuvor ein Türke gesehen wurde.

Er bereitete das 1:0 in der zehnten Spielminute mit einer zentimetergenauen Flanke vor. Mitte der ersten Halbzeit schlägt Mor einen perfekten 80-Meter-Pass von hinten rechts nach vorne links. Ein Pass der Art, wie ihn Mats Hummels allzu oft versucht und wie er sonst eigentlich nur Andrea Pirlo gelingt oder früher Zinédine Zidane gelang. "Er war heute unser Retter", sagte später Fatih Terim über Mor, und man kann ja nur hoffen, dass der Junge nicht erdrückt wird vom Gewicht der Erwartungen einer ganzen, stolzen Nation.