Mehrmals in der Woche, bevor bei Atlético Madrid das Training losgeht, trifft sich Antoine Griezmann mit den Südamerikanern der Mannschaft zum Mate trinken. Den bitteren Tee hat er inzwischen liebgewonnen, wie so viele andere Lebensgewohnheiten der spanischsprechenden Welt. Er hält Siesta, trinkt hin und wieder einen Cortado, den starken Kaffee, und isst genauso spät zu Abend wie alle anderen. Griezmanns engste Freunde kommen aus Uruguay oder Argentinien, Spanien ist zu seinem Zuhause geworden. Dort lebt der 25-Jährige seit zwölf Jahren. Zuerst in San Sebastián, jetzt in Madrid.

In diesen Tagen aber liegt Antoine Griezmann nicht Madrid, sondern seine eigentliche Heimat Frankreich zu Füßen. Der Stürmer ist die überragende Figur dieser Europameisterschaft. Seit sein Trainer Didier Deschamps die ideale Position für ihn gefunden hat, als hängende Spitze, etwas zurückgezogen hinter Olivier Giroud, blüht er auf. Mit sechs Toren hat Griezmann Frankreich ins Finale geschossen, ein Sieg noch am Sonntagabend gegen Portugal und die Equipe hätte wieder einen großen Titel im eigenen Land gewonnen. So wie 1984, als Michel Platini Frankreich zum Europameister machte. Vierzehn Jahre später war es Zinédine Zidane, der beim Gewinn des WM-Pokals alle überstrahlte.

Der Titel 2016 würde zuerst und auf ewig mit Griezmann in Verbindung gebracht werden. Einem, den sie in Spanien "el pollito", das Hähnchen, das Küken, nennen. Wegen seiner schmächtigen Statur. Nicht mal ein ganzer Hahn sei dieser Bursche, fanden sie in San Sebastián, wohin es Griezmann im Alter von 13 Jahren verschlug. Ein Kind noch, hager und dürr, aber das machte nichts.

Kein französischer Verein hatte Platz für Griezmann

Daheim in Frankreich war es anders, da machte seine Figur sehr wohl was. "Zu klein", sagten die Talentspäher. Oder: "zu leicht, zu gebrechlich." Zu dieser Zeit walzte Patrick Vieira durch das Mittelfeld der Equipe Tricolore und der Fußball hatte mit den Kleinen und den weniger Kräftigen abgeschlossen. Sie für ungeeignet erklärt, weil nicht durchsetzungsfähig seien. Nicht nur in Frankreich herrschte diese Meinung vor.

Dass Griezmann Tor um Tor schoss, flink und wendig war und Haken schlug wie ein Hase im freien Feld auf der Flucht, war nebensächlich. Absage um Absage handelte sich der Offensivspieler ein, kein Club hatte in seinem Internat Platz für diesen Straßenfußballer, der mit seinen Freunden von früh bis spät draußen kickte und dabei immer Fernando Torres, sein heutiger Teamkollege bei Atlético sein wollte. 

Einer der drei besten Stürmer der Welt

Nur ein Scout erkannte das Talent: Eric Olhats. Der aber arbeitete damals für Real Sociedad San Sebastián. Und Spanien, das war weit weg von Griezmanns Geburtsort nahe Lyon. Mehrere Tage redete Olhats auf Familie Griezmann und den jungen Spieler ein, ehe der Junge sich doch dafür entschied, Richtung San Sebastián aufzubrechen.

Aus heutiger Sicht ist Olhats ein Held, denn was wäre dem Fußball abhandengekommen ohne diesen schnellen, explosiven und ungemein treffsicheren Angreifer. Griezmann ist einer, der infrage käme, wenn Cristiano Ronaldo und Lionel Messi aus Altersgründen aufhören müssen, den Weltfußballer unter sich auszumachen. Sein Klubtrainer Diego Simeone hatte ihn unlängst erst als einen der drei besten Stürmer der Welt gelobt, vermutlich auch in der Hoffnung, ihm zur Vertragsverlängerung zu schmeicheln. Mit Erfolg: Der Franzose verlängerte vor wenigen Wochen etwas überraschend sein Arbeitspapier bei Atlético Madrid, trotz deutlich besserer Offerten, unter anderem von Paris Saint-Germain.