Wenn Antonio Conte eine Gruppe von Kindern trifft, fragt er gern, wer von ihnen auf Bäume klettern kann. Meistens sind es nicht sehr viele und dann denkt Conte wehmütig zurück an seine Kindheit. An Fußballspiele auf dem Kirchenvorplatz, an Abende auf der Piazza und eben an all die Bäume, die er und seine Freunde einst bestiegen. Immer an der frischen Luft waren sie, immer draußen, immer auf der Straße. In Lecce, Apulien, tief im Süden Italiens. Die Straße, sagte Conte einmal "hat mich zu dem gemacht, was ich bin".

Antonio Conte, 46 Jahre alt, ist dieser Tage der herausragende Trainer dieser Europameisterschaft. Italien hat er auf beeindruckende Weise ins Viertelfinale geführt und dabei mit taktischen Finessen geglänzt. Sein 3-5-2-System mit zwei echten Stürmern stellte vor allem die Belgier und die Spanier vor Probleme. Vor allem war es die Flexibilität, mit der Contes Italien beeindruckte. Mal abwartend, mal attackierend, waren sie nie auszurechnen.

Es gibt nicht wenige, die behaupten, dass das Spiel gegen Deutschland (Samstag, 21 Uhr) ein vorgezogenes Finale ist. Ohne Zweifel treffen heute in Bordeaux die beiden bisher besten Mannschaften des Turniers aufeinander. Von Weltmeister Deutschland war das erwartet worden, von Italien nicht. Zu alt seien sie, eine Ansammlung von Namenlosen noch dazu, lautete die Kritik im Vorfeld. Selbst in der Heimat war das Zutrauen in die Squadra nicht sonderlich groß. Erst recht nicht, nach dem 1:4 im vergangenen März gegen die deutsche Elf.

Eine Liebeserklärung an den Trainer

Dass Italien mittlerweile als einer der Favoriten auf den EM-Sieg gehandelt wird, ist zu einem großen Teil Contes Verdienst. "Wir sind immer bestens vorbereitet und wissen genau, was auf dem Platz zu tun ist", sagte der Verteidiger Leonardo Bonucci nach dem 2:0 im Achtelfinale gegen Titelverteidiger Spanien und natürlich war es als eine verklausulierte Liebeserklärung an Trainer Conte gemeint.

"Das sind Antonios Stärken. Die akribische, beinahe besessen detaillierte Vorbereitung auf den kommenden Gegner, taktisches Wissen und die Fähigkeit, alle Spieler hinter sich zu bringen", sagt Jürgen Kohler. Einst hatten er und Conte gemeinsam bei Juventus Turin gespielt, von 1992 bis 1995, drei Jahre lang. Zimmernachbarn zuerst, dann Freunde. Gern erinnert sich Kohler an die Abende im Hotel. "Panzer, was willst du mal machen, wenn das mit dem Calcio zu Ende ist", fragte Conte und dann redeten sie.

"Panzer, ich werde Trainer"

Meist sprach Conte, weil Kohler, obwohl schon auf der Zielgeraden seiner Karriere nicht so genau wusste, was das Leben nach dem Fußball für ihn bereithalten würde. Conte, Mitte Zwanzig damals, wusste es ganz genau: "Panzer, ich werde Trainer", sagte er.

Heute muss sich Kohler manchmal wundern, wenn er seinen Freund an der Seitenlinie sieht. Wie der da rumfuchtelt, brüllt, gestikuliert, die Augen aufreißt oder den Ball mit seinen Designerschuhen vor Wut auf die Tribüne drischt. Immer auf Strom, immer ganz der Vulkan, der nicht mal ansatzweise Lust verspürt, die in ihm brodelnde Lava in sich zu behalten. "So emotional wie jetzt als Trainer war er als Spieler nicht", sagt Kohler.

Im Alter von 23 Jahren kam Conte aus Lecce nach Turin. Da hatte er schon sieben Jahre Serie A auf dem Buckel. Ein ruhiger, zurückhaltender Typ mit einem strengen süditalienischen Akzent, den in den ersten Monaten niemand verstand. Kein Protzer, kein Wichtigtuer. Ein Arbeiter, mit dem unbändigen Willen, es bei Juventus allen zu zeigen. "Antonio war vielleicht der lernwilligste Spieler, mit dem ich je zusammengespielt habe", sagt Kohler.

Die Einheiten unter Größen wie Giovanni Trapattoni und Marcello Lippi saugte er ein, mit Ehrgeiz und Disziplin stieg er zum Kapitän auf und blieb zwölf Jahre bis zu seinem Karriereende bei Juventus. Einem Club, der immer schon herausragende Begabungen in seinen Reihen hatte. Roberto Baggio und Alessandro Del Piero, Zinédine Zidane und Gianluca Vialli. Conte war der Arbeiter, der Emporkömmling aus einfachen Verhältnissen, der Fußball als Schlacht begreift, die nur mit Leidenschaft und Hingabe zu gewinnen ist.

Kohler erinnert sich an einen Tag zu gemeinsamen Turiner Zeiten, an dem das Training über drei Stunden ging. Conte setzte sich abends trotzdem hin und ging alle einstudierten Varianten noch mal mit Zettel und Stift für sich durch, als sitze er vor einer umfangreichen Hausaufgabe.