Carlo Ancelotti zeigte es mit seinem Blick. Als er am Montag in München vorgestellt wurde und hinter ihm auf einer Leinwand ein Filmchen durchratterte, das ihn beim Gewinnen seiner fünf Champions-League-Titel zeigt, schaute er wie einer, den das alles nichts angeht. Vielleicht hat er zum ersten Mal das Gewicht seines neuen Amtes gespürt. Man erwartet nicht weniger als den Champions-League-Sieg von ihm. Groß beeindruckt hat es ihn wohl nicht. So sah es zumindest aus.

Vor wenigen Wochen noch saß da Pep Guardiola. Immer etwas hibbelig, gestikulierend, supersuperschnell deutsche, englische und spanische Wörter ins Mikrofon hauchend. Nun thronte über den Journalisten Ancelotti, der seine ersten Worte mit Bedacht auswählte und sie in den folgenden 40 Minuten mit gesetztem Tonfall vortrug. Seine Vorstellung deutete es schon an. Der FC Bayern bekam das, was er sich kaufte. Ruhe und eine gewisse Unerschütterlichkeit. Hektik wird es mit Ancelotti, zumindest öffentlich, nicht geben.

Carlo kennt dich als Mensch

Drei Jahre lang pflanzte Pep Guardiola dem Club auf dem Feld eine neue Identität ein, führte ihn aus der deutschen Hitzfeldhaftigkeit in globale Sphären. Auch wenn der größte Erfolg ausblieb: Kein anderer Trainer steht für einen ähnlich dominanten, progressiven Fußball. "Erst wenn er weg ist, wird man ihn zu schätzen wissen", sagte Rummenigge bei Guardiolas Abschied vielsagend. Es war auch eine erste Botschaft an den Neuen.

Die Frage, die die Bayern zu beantworten hatten, war: Was kommt nach dem Messias?

Sie entschieden sich für Carlo Ancelotti, für das Verwalten und für das Pflegen großer Egos. Cristiano Ronaldo nannte ihn mal einen großen Bären. Zlatan Ibrahimović, den Ancelotti auch schon trainierte, verglich ihn mit José Mourinho: "José kennt dich als Fußballer, Carlo hingegen weiß, wie man Menschen behandelt." Ancelotti ist einer für die Mannschaftshygiene, er trainierte bereits Spieler jeder Ego-Kategorie.

Mailand, Paris, Chelsea – er war schon fast überall

Ihn bringt man selten aus der Ruhe. In seiner Biografie, die bald auf Deutsch erscheint, erzählt er aus seiner Zeit mit Silvio Berlusconi, dem Besitzer des AC Mailand. Wenn der in die Kabine kam, um seine Witze zu machen, sagte sich Ancelotti immer wieder selbst, dass diese Kabine ja Berlusconi gehört. Ancelotti ist ein Gentleman. Seine Manieren perfektionierte bei den edlen Adressen des Weltfußballs. Mailand, Chelsea, Paris, Madrid.

Und nun München. Seine Ruhe könnte ausreichen, Ancelotti übernimmt ein bisher funktionierendes Ensemble. Bayern wurde zum vierten Mal in Folge deutscher Meister und stand wieder im Champions-League-Halbfinale. Mit Mats Hummels und dem 18-jährigen Europameister Renato Sanches verstärkte sich der Club noch vor dem Start der EM.

"Exzellente Arbeit von Guardiola, fantastisches Team", sagte Ancelotti am Montag. Er will das gleiche System spielen lassen. "Ich werde aber keine Revolution starten", sagte er.