Fast hätte sich der deutsche Fan zur uferlosen guten Laune hinreißen lassen. Im Spiel gegen die Slowakei vernahm man im Stadion von Lille zarte Versuche aus dem Block, Will Grigg's on Fire anzustimmen. Das ist das Lied, mit dem die Nordiren einen Stürmer feiern, der gar nicht spielt. So viel Unernst passt natürlich nicht zum Fußball. Die Hedonisten wurden sofort überstimmt. Mit dem Deutschlandlied. Wäre ja noch schöner.

Auf Fußballturnieren trifft sich die Welt. Viele Nationen kamen dieser Tage nach Frankreich und hinterließen Eindrücke. Die Iren sangen Kleinkinder in den Schlaf, die Nordiren steckten mit guter Laune an, die Russen, einige zumindest, verbreiteten Angst und Schrecken, die Isländer stiegen in die Top 10 der Dinge auf, die alle lieb haben. Und der Deutsche? Auch im Ausland bleibt er sich treu, vielleicht tritt sein Wesen dort sogar besonders zu Tage.

Man traf zwischen Lille und Bordeaux, zwischen Évian und Paris, eine Vielfalt an Landsleuten. Den Vater, der seinen Sohn zum Spiel von Jogis Elf mitnimmt, der einen später zum Essen einlud und einem die beste Einstiegsstelle am Genfer See zeigte, wohin er vor zwanzig Jahren ausgewandert war. Den Rentner, der Gäste der Straßenbahn in Bordeaux zurechtwies, wenn sie undiszipliniert quatschten. "Nach hinten durchgehen! Andere wollen auch noch einsteigen!"

Befehl zum Fröhlichsein

In der ersten Woche bereisten junge sächsische, geschichtsbegeisterte Intellektuelle die Brudernation Frankreich. Aber die sind wieder weg. Ihre Reichskriegsflagge auch, aber die Pickelhaube aus Plastik sieht man noch, die in Frankreich eher so na ja ankommt. So ist der Deutsche, wenn er selbstironisch wird. "Der Helm mit Spitze zeugt vom allerhöchsten Witze", sagte schon Heine.

Oder den turniererfahrenen Groundhopper aus Ingolstadt, der beim Bier die fachkundigen Worte fallen ließ: "In Frankreich ist ja gar nichts los. In Deutschland war das alles ja viel euphorischer." Wohlgemerkt, während zehn Gehminuten weiter Zehntausende Franzosen an der Fan-Meile darauf warteten, Griezmanns Tore zu bejubeln.

Das ist schwer im Trend: die Belehrung zur Unverkrampftheit, der Ordnungsruf zur Entspannung, der Befehl zum Fröhlichsein. Am neudeutschen freudigen Wesen soll die Welt genesen. Dabei müsste man es den Franzosen gar nicht verübeln, dass sie dieses Turnier mit einer gewissen Beiläufigkeit verfolgen. Vielleicht geht ihnen das Tamtam dieses Fußball-Events, das immer größer, aber auch immer oberflächlicher wird, auf den Keks. Dem Deutschen nicht.

Am besten zeigt sich sein Charakter an seinen Liedern. Der Deutsche singt, was er kann: Märsche, Schlager, Schlachtrufe, die Betonung stets auf der 1. Mit Synkopen und Jazz erreicht man nun mal nicht die Champs-Élysees. Der neueste Hit der Schlaaand-Fans ist Die Nummer Eins der Welt sind wir! Schade, dass sie dazu ihre Pickelhauben nicht aneinanderschlugen.

Nie aus der Mode kommt ihr Schlachtruf "Sieg".  Wir wollen doch nicht hoffen, dass es stimmt, was die überempfindlichen Gutmenschen sagen. Die glauben nämlich, das "Heil" wird nur verschluckt. Solche, also die Siege, würdigt der deutsche Fan mit heinoesker Heiterkeit. Dann erklingen die unsterblichen Schunkler und Trampler: Oh, wie ist das schön! und So ein Tag, so wunderschön wie heute!

Eine Variante bot Oliver Bierhoffs DFB-Fanclub powered by Coca Cola im Italien-Spiel. Aus tausend Kehlen hörte man immer wieder: "Scheiß Italiener!" Er, der Fanclub, war sogar so freundlich, das sinngemäß zu übersetzen: "Italia, Italia vaffanculo!" Man muss es nicht zu genau nehmen mit der political correctness und es der Grünen Jugend immer recht machen wollen. Aber das war nicht nett, und es war nicht mal halb so originell wie das, was deutsche Fans 2006 nach dem Aus gegen Italien gröhlten: "Kleine Füße, kleine Genitalien, das ist Italien!"