Der 28. Juni 2012 war der Tag, an dem Italien lachte. Also wirklich und wörtlich, nicht nur sinngemäß. Man konnte es im Fernsehen und auf den großen Bildschirmen im Warschauer Stadion sehen. Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci, Giorgio Chiellini lachten immer wieder, während die deutsche Elf hilflos flankend und vergeblich versuchte, den Rückstand im EM-Halbfinale aufzuholen. Und sie Ball für Ball rausköpften und schlugen.

Doch wahrscheinlich lachten Italiens Abwehrspieler weniger, um ihre Gegner zu verhöhnen, sondern über sich selbst. Normalerweise greift beim Fußball mal die eine Mannschaft an, mal die andere. Doch dieses Spiel war auf kuriose Weise anders. Italiens Elf stand die gesamte zweite Halbzeit hinten drin. Nicht weil sie das wollte, sondern weil sie nicht anders konnte. Ihr gelang es kaum noch, die eigene Hälfte zu verlassen, teilweise nicht mal mehr den Strafraum. Von zwei bis drei Kontern abgesehen spielten die Italiener in der zweiten Halbzeit eigentlich gar nicht mehr mit. Italien war reduziert auf seinen Kern: das Verteidigen.

Dennoch schoss die deutsche Elf, die als Favorit ins Spiel gegangen war, kaum aufs Tor. Sie kam nicht mehr durch. Weil sie sich in der ersten Hälfte zwei Mal hatte auskontern lassen, scheiterte schon wieder das Vorhaben, erstmals Italien bei einem Turnier zu schlagen. 1970. 1982. 2006. 2012. Diese Jahreszahlen sind deutsche Wunden. Drei Mal Halbfinale, ein Mal Finale, jeweils das Ende gegen Italien. Diese Spiele schrieben alle Sportgeschichte.

Vier Jahre später schaut die Welt wieder auf das Treffen der zwei größten europäischen Fußballnationen (Samstag, 21 Uhr). Beide holten vier Weltmeistertitel, nur Brasilien hat einen mehr. Kein anderes Land Europas konnte auch nur ein zweites Mal gewinnen.

Italien und Deutschland sind wie Brüder. Sie haben viel gemeinsam. Fußball ist dort heiliger Ernst. Alle zwei Jahre vereint sich das ganze Land hinter seiner Mannschaft. Sie soll siegen, auf das Wie kommt es weniger an. Noch etwas teilen Italien und Deutschland: Außerhalb der Landesgrenzen haben sie wenige Fans, was sie natürlich nur noch stärker macht.

Die beiden Brüder unterscheiden sich aber auch in ihrem Stil und Wesen, die aktuellen Mannschaften und Generationen besonders. Dieses Viertelfinale ist auch ein Duell der Gegensätze: Initiative gegen Risikovermeidung, Physis gegen Reife, Individuum gegen Team, Moderne gegen Tradition, Improvisation gegen Stringenz, Talent gegen Taktik.

Nach den Marktgesetzen gewinnt Deutschland

Das sind abstrakte Begriffe, daher mal ein paar konkrete Zahlen: Den Marktwert der wahrscheinlichen deutschen Startelf schätzen Branchendienste auf rund 380 Millionen Euro, den der italienischen auf 130, also etwa ein Drittel. Im deutschen Kader stehen sechs Champions-League-Sieger, im italienischen keiner. Deutschlands Spieler sind bei den großen internationalen Clubs begehrt, Real Madrid oder Arsenal. Zwei der Italiener sind bei Sunderland und Southampton unter Vertrag. Für Deutschland spielen zwar auch ein Kölner, ein Wolfsburger und zwei aus der türkischen Liga, doch selbst Ersatzspieler sind bei großen internationalen Clubs im Gespräch.

Es dürfte nicht viele italienische Fans geben, die der Behauptung widersprechen, dass Deutschland die besseren, schnelleren und fitteren Fußballer hat, vor allem in der Offensive. Italien hat keine Feinmotoriker wie Toni Kroos, Mesut Özil, Julian Draxler und Thomas Müller. Italiens besten Stürmer, den Sturmtank Graziano Pellè, kannte vor dem Turnier kaum einer, obwohl er diesen Monat schon 31 Jahre alt wird.

Gute Verteidiger hat Italien natürlich, aber sie sind andererseits deutlich älter als die Deutschen. Sie verfügen über Erfahrung und Spielverständnis, aber keiner von ihnen ist ein körperliches Wunder wie Jérôme Boateng. Der Torhüter Gianluigi Buffon ist ein charismatischer Routinier, allerdings hat er längst nicht mehr die Dynamik und Energie wie Manuel Neuer. Bei der EM in Frankreich kassierten beide Keeper noch kein Gegentor. Doch im Frühjahr fing sich Italiens vierköpfiges Turiner Abwehrzentrum Bonucci, Chiellini, Barzagli, Buffon in kürzester Zeit acht deutsche Gegentore in zwei Spielen ein, ein Mal von den Bayern, ein anderes Mal im Testspiel von der Nationalmannschaft.

Nach den Gesetzen des Marktes müsste Deutschland gewinnen. Die Qualität der Einzelspieler ist meist entscheidend. Bei Ländermannschaften noch mehr als im Verein, weil sie weniger von der Organisation leben. Gerade bei dieser EM, wo das Niveau noch mal niedriger ist als sonst. Frankreich zum Beispiel besiegte Irland nicht wegen der besseren Taktik, sondern wegen Antoine Griezmann. Natürlich gibt es Ausnahmen: Wales schlug Belgien, das zwar die besseren Mittelfeldspieler hat. Andererseits aber die schlechteren Abwehrspieler.