Knapp zwei Wochen vor Olympia spricht man wieder ein Wort aus, das lange verschwunden war: Staatsdoping. Seit am Montag der Untersuchungsbericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vom Juristen Richard McLaren veröffentlicht wurde, ist klar, wie sehr der russische Staat in das Dopingsystem einbezogen war, wie er es steuerte und wie er vertuschte.

Dass eine weitere Hiobsbotschaft den russischen Sport erschüttern könnte, war nach den vergangenen Monaten eigentlich kaum noch vorstellbar. Im Dezember 2014 hatte der Dokumentarfilm des ARD-Journalisten Hajo Seppelt systematisches Doping in der russischen Leichtathletik enthüllt. Die Wada begann zu ermitteln. Im November 2015 folgte ein erster, über 300 Seiten umfassender Wada-Bericht. Seitdem sind russische Athleten von allen internationalen Leichtathletik-Wettbewerben ausgeschlossen.

Im März beichtete Maria Scharapowa die Einnahme von Meldonium, was eine Lawine ins Rollen brachte. Es folgten die Namen weiterer russischer Athleten, die der Einnahme des in Osteuropa verkauften Herzmedikaments überführt wurden. Man hatte fast den Eindruck, Meldonium werde im russischen Sport so selbstverständlich konsumiert wie in anderen Ländern Fruchtzucker. Im Juni veröffentlichte die Wada einen zweiten Bericht, der den Ausschluss der russischen Athleten bestätigte. Damit war auch klar: Auch die olympischen Spiele in Rio de Janeiro werden ohne Russlands Leichtathleten stattfinden.

Auch der Inlandsgeheimdienst war involviert

Längst steckte der russische Leistungssport in einer tiefen Krise. Der dritte Wada-Bericht, der nun in Toronto vorgestellt wurde, enthält erschreckende Ergebnisse. Die Wada attestiert Russland über Jahre betriebenes systematisches Doping, bei dem das russische Sportministerium und der Inlandsgeheimdienst involviert waren. Im Fall Russlands, wo dem Sport eine große Bedeutung in der Außendarstellung des Landes zukommt, kann man nun ohne Übertreibung von Staatsdoping sprechen.

Auslöser für den McLaren-Bericht waren die Aussagen von Grigori Rodtschenkow. Im Mai offenbarte der ehemalige Chef der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada gegenüber der New York Times, wie man während der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 russische Sportler gedopt habe und deren Dopingproben durch ein Loch in der Wand des offiziellen Labors ausgetauscht habe – mit gütiger Hilfe des Geheimdienstes FSB. Mindestens 15 russische Medaillengewinner sollen unter den betroffenen Athleten sein, erklärte der in die USA geflüchtete Rodtschenkow, der den Journalisten der amerikanischen Tageszeitung nicht ohne Stolz von seinen über Jahre praktizierten und perfektionierten Dopingpraktiken erzählte.

643 vertuschte Dopingproben

Seine Aussagen wurden aber nun vom McLaren-Bericht bestätigt. Auf den insgesamt 103 Seiten wird beschrieben, wie die russischen Sportler mit einem speziellen, von Rodtschenkow entwickelten "Cocktail" gedopt wurden, wie in den Dopinglabors in Moskau und Sotschi Proben manipuliert wurden und welche politischen Akteure mitgewirkt haben. Der stellvertretende russische Sportminister Juri Nagornych soll persönlich darüber entschieden haben, welche positiven Proben geschützt oder unter Quarantäne wären.

Der McLaren-Bericht, der nicht nur auf den Aussagen von Rodtschenkow basiert, sondern auch auf eigenen forensischen Untersuchungen, geht über die umstrittenen Spiele in Sotschi hinaus. Untersucht wurden auch die Dopingproben russischer Sportler während der Olympischen Sommerspiele in London 2012, Proben der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau 2013 sowie Proben von der Universiade im russischen Kasan im selben Jahr. Das Ergebnis ist erschreckend. In 20 von 28 olympischen Sommersportarten sowie in sieben von acht olympischen Wintersportdisziplinen weist der McLaren-Bericht Manipulationen nach. Insgesamt sollen zwischen 2012 und 2015 643 positive Dopingproben vernichtet worden sein. Ein sporthistorisch hoher Wert.