Es gibt Fußballabende, an denen man jede Sekunde isoliert betrachten möchte. Jeden Protagonisten einzeln aufnehmen und zu einem neuen Film, einer noch besseren Erzählung  zusammenmontieren. Es wäre eine Abfolge aus Anläufen, Trainerzucken und  Verbandspräsidentenumarmungen.

Der Samstag war so ein Abend. Nacheinander abgespielt, entstünde vom Elfmeterschießen des Viertelfinals Deutschland gegen Italien einer der spannendsten Kurzfilme der jüngeren Fußballgeschichte. Eigentlich reicht es auch, eine Sekunde aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Die, als Jonas Hector den entscheidenden Treffer unter Gianluigi Buffon durchschob.

Eine Sekunde – so viele Szenen

Plötzlich passierte vieles auf einmal. Der Kölner atmete einmal kurz durch, dann fünf Schritte Anlauf, dann der Ball unter Buffons Ellbogen, Tor. Hector drehte ab, Manuel Neuer überholte ihn, mit den anderen, die von der Mittellinie losgehechelt kamen, bildete sich ein sich umherschubsendes Knäuel.

Bastian Schweinsteiger, der im Laufe seiner mit Titeln gesäumten Karriere ein Gespür für große Gesten entwickelt hat, löste sich schnell wieder und nahm den großen Gianluigi Buffon in den Arm. Toni Kroos blieb an der Mittellinie, eine Kamera zeigte ihn ganz nah. Er schüttelte den Kopf und pustete deutlich zu erkennen durch. Selten sieht man die von PR-Agenturen geskripteten Profis so ausgelassen, fast wie Menschen.

Auch drei Tage später wirken die 13 letzten Minuten dieses Spiels noch nach. Man wird sich noch lange an sie zurückerinnern. Nie dauerte ein Elfmeterschießen einer EM oder einer WM länger. Sieben Elfmeter gingen nicht ins Tor. Siebzehn Schützen traten an, bis der achtzehnte, Jonas Hector, den Abend endgültig beendete und Deutschland zum ersten Sieg gegen Italien bei einem großen Turnier schoss.

Das kann nur das Elfmeterschießen. Eine Sekunde – viele Ebenen. Sie entschädigte für spannende, aber ereignisarme 120 Minuten zuvor. Auch in den verbliebenen drei Spielen dieser EM könnte es wieder dazu kommen. Im Fußball schafft es nur das in den Regeln festgelegte Ende von unentschiedenen K.-o.-Spielen, solche Momente zu kreieren. Nur dann wird es so emotional, wenn sich die Tage der Vorbereitung und die zähen Minuten des Spiels, des Taktierens und des Belauerns am Ende zu einem Moment verdichten: Schütze gegen Torhüter.

Italien war schlecht vorbereitet

Manche Teams dieser EM, wie die Polen oder die Italiener, sehnten diesen Augenblicken unbedingt herbei. Denn egal, wie wenig man davor für das Spiel getan hatte, im Eins gegen Eins entscheidet nicht mehr der Ballbesitz oder die Packingrate. Es ist wie eine Therapiesitzung und sie verspricht den Schwächeren eines Spiels eine schnelle Heilung.

Es gibt Trainer, die das trainieren lassen. Italien sah nicht so aus. Der Anlauf von Simone Zaza, der in Trippelschritten zum Ball tänzelte, ist mittlerweile ein Meme. Graziano Pellè, der auch verschoss, deutete erst arrogant einen Panenka an, einen Lupfer in die Tormitte. Pellè aber hatte nicht den Mut für einen Lupfer, wohl aber für einen Elfmeterschuss ungewöhnlich weit links neben das Tor. Am Elfmeterpunkt weicht das Ego, welches sich bei Profis wie Pellè schon an den brustspannenden Trikots zeigt, oft der Versagensangst.

Wer sich seiner Sache aber sicher ist, braucht keine Mätzchen. Elfmeterschützen brauchen kein Glück, sie üben den richtigen Umgang mit dieser Ausnahmesituation. Zum Beispiel Joshua Kimmich, 21 Jahre alt, der auf Gianluigi Buffon, 38 Jahre alt, traf. Vier Länderspiele gegen viermal Welttorhüter. Kimmich traf. Hätte er verschossen, wäre das Spiel zu Ende gewesen. Elfmeter bestimmen innerhalb weniger Sekunden darüber, wie über Nationalteams erzählt wird.