In der Mixed Zone scharen sich die Journalisten nach jedem Spiel um die entscheidenden Spieler. So kam es, dass zum ersten Mal der Kölner Jonas Hector im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stand. Vor ihm minutenlang eine Traube. Hinter ihm gingen, nahezu unbehelligt, die Weltmeister Mario Götze, Thomas Müller, André Schürrle entlang. Von ihnen wollte keiner was wissen. Alle hörten Hector zu.

Er musste die Sache mit seinem Elfmeter erklären, der den ersten Turniersieg einer deutschen Mannschaft über Italien besiegelte. Gianluigi Buffon, der Tormann des Gegners, hatte seinen Schuss berührt, aber konnte ihn nicht abwehren.

Dass Hector am Elfmeterpunkt überhaupt dran kam, sagt einiges über dieses epische Fußballspiel. Er schoss den achtzehnten Elfmeter, also den neunten deutschen. "Es waren nicht mehr viele Leute da", sagte Hector, der, zumindest wenn er verdutzt schaut, in der Augenpartie Jack Lemmon ähnelt. "Irgendwann muss man dann."

Deutsche Fußballteams haben schon vieles gewonnen, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, sie haben Brasilien mit sieben Toren zerstört. Aber noch nie gab es einen Sieg gegen die Italiener. Niemand hatte gedacht, dass es einfach werden würde, sie zu schlagen. Aber dass es so knapp werden und dass das Spiel solche Zuspitzungen erfahren sollte, konnte niemand ahnen. Der kardiologische Notdienst dürfte diese Nacht auf Trab gehalten worden sein, mancher Fan während dieser achtzehn Elfmeter um fünf Jahre gealtert.

Es war ein typisches Turnierspiel. Beide Mannschaften setzten auf Vorsicht, auch die meist angreifende, also die deutsche. Durch Quergeschiebe ging das Spiel in die Breite und verlor Tempo. Schon in den ersten Aktionen sah man Zeitspiel, später Fouls der gröberen Art, selbst Liberos und Manndecker gab es. Die Spieler gifteten sich schon mal an, Thomas Müller verspottete Giorgio Chiellini mit einer Geste, die dem Italiener Weinerlichkeit unterstellte. Joachim Löw zeigte eine Mamma-mia-Geste.

Dazu grölten die deutschen Fans, von den vielen Niederlagen offenbar gepeinigt, wiederkehrend: "Scheiß Italiener!" Oder später in der italienischen Version: "Italia, Italia, vaffanculo!" Als hätte es drei Jahrzehnte politische Korrektheit nie gegeben. Zwischendurch rechnete man mit einem Anruf der achtziger Jahre, die ihren Fußball zurückverlangen.

Italienisierung der deutschen Elf

Doch man muss nicht unbedingt von der Qualität reden, denn das Spiel lebte von der Spannung, der Dramatik und dem Wissen, dass die zwei größten Fußballnationen Europas am Fernsehgerät mitfiebern und die Welt zuschaut. Das Duell geriet zum Schlagabtausch zweier Schwergewichte, bei dem auf den ersten Blick nicht viel passiert, aber alle wissen, dass jeder kleine Fehler zum K.o. führen kann.

Löw hatte das geahnt und umgestellt. Er ließ Julian Draxler draußen, einen der besten Spieler aus dem Achtelfinale und brachte mit Benedikt Höwedes einen zusätzlichen Verteidiger auf das Feld. Es war eine Italienisierung der deutschen Elf. So defensiv hatte man sie jahrelang nicht mehr gesehen, manchmal verteidigten sieben Weiße den Angriff von drei Blauen. Noch im Stadion machte nach dem Spiel die Kritik Mehmet Scholls die Runde, der Löw vorhielt, sich zu sehr dem Gegner angepasst zu haben.

Löws Taktik ging diesmal aber auf, auch weil Höwedes stark war. Die Italiener, gegen Spanien noch mit vielen guten Chancen, wurden fast nie gefährlich. Löw verhinderte ihre Konter und baute darauf, dass sich mit zunehmender Zeit die physische, technische und konditionelle Überlegenheit seiner Spieler auszahlen würde.

So kam es. Deutschland hatte in der zweiten Halbzeit ein paar sehr gute Chancen. Müllers Schuss wehrte Alessandro Florenzi mit einem anderthalbfachen, geschraubten Boateng auf der Torlinie noch ab. Doch dann tauschte Mario Gómez mit Mesut Özil die Rollen und leitete mit einem Traumpass sein Tor ein. Wieder hatte Hector seine Kölner Füße im Spiel. "Die Italiener waren leicht berechenbar", sagte Löw ungewöhnlich selbstsicher. "Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die Italiener aus dem Spiel heraus ein Tor schießen."

Taten sie auch nicht. Zum Ausgleich kamen sie, weil Jérôme Boateng, bis dahin erneut der überragende Verteidiger, auf irgendeine Idee aus seinem früheren Verteidigerleben kam. Er riss in einem Kopfballduell die Arme hoch, als hätte er Giorgio Chiellini mit LeBron James verwechselt. Klarer Handelfmeter. Es war Boatengs erster echter Fehler bei diesem Turnier, schon erhielt Deutschland das erste Gegentor. Und Boateng wurde erneut zum Internetmeme, vielleicht ging's ihm ja darum.