ZEIT ONLINE: Herr Hennlein, haben Sie gerade eine Flagge am Auto?

Jens Hennlein: Am Auto habe ich derzeit keine, aber bei mir zu Hause hängen natürlich Flaggen. Wenn wir neue Materialien haben, dann teste ich die auch gern selbst und auch die Flaggenhalter. Es gibt tausend Möglichkeiten, ein Auto zu beflaggen. Bei manchen ist alles komplett dekoriert, inklusive Motorhaube. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich finde es in Ordnung, wenn die Leute mal etwas austicken und von der Norm abweichen. Nicht nur, weil ich Flaggen verkaufe. Die deutschen Fahnen verkauft ja im Moment fast jeder. Kaufe drei Kilo Äpfel und schon hast du eine Fahne im Korb.

ZEIT ONLINE: Ist es für Sie problematisch, dass es gerade überall billig Flaggen gibt?

Hennlein: Grundsätzlich nicht, aber letztlich ist Konkurrenz nie gut für das eigene Geschäft. Die Leute wollen bei der EM für die kurze Zeit etwas kaufen, das billig ist oder das sie umsonst bekommen. Das tangiert es uns nicht so sehr, weil wir nicht die ganz billigen Sachen haben. Dafür haben wir zum Beispiel alle EM-Teilnehmer. Und wir haben Qualität. In der Deutschlandfahne gibt es bei uns wirklich Gold und kein Zitronengelb, das ist ja fast eine Verunglimpfung.

ZEIT ONLINE: Wie läuft das Geschäft bei dieser EM?

Hennlein: Ich denke, nicht schlechter als sonst. Wir haben aber keine spezielle Statistik. Das Turnier überschneidet sich ja mit dem Brexit. Es laufen also noch andere Fahnen. EU-Befürworter kaufen die EU-Fahne und die Gegner die britische Fahne.

ZEIT ONLINE: Haben Sie noch Islandflaggen?

Hennlein: Na ja. Es wird knapp. Es gibt nicht mehr alle Formate. Am Sonntag ist das Spiel gegen Frankreich, bis dahin haben wir auf jeden Fall noch Islandflaggen da. Zum Beispiel für das Auto.

ZEIT ONLINE: Wer sind Ihre Kunden?

Hennlein: Das sind Privatleute und gewerbliche Kunden. Es kommen Boots-, Grundstücks- und Gartenbesitzer zu uns, die Verschiedenes zu beflaggen haben, weil sie es schön finden. Es kommen auch viele kleine Vereine, die individuelle Flaggen gestaltet haben wollen. Die werbende Wirtschaft spielt eine große Rolle und auch Hotels, die für ihre Eingänge Nationalflaggen benötigen. Der Privatkunde macht insgesamt einen geringeren Teil aus.

ZEIT ONLINE: Welche Ereignisse beeinflussen den Flaggenverkauf?

Hennlein: Politische Veranstaltungen und Ereignisse machen sich bei uns bemerkbar. Demonstrationen, Brexit, Armenien, der Ukraine-Konflikt und so weiter. Ich erinnere mich auch an 9/11. Das war extrem. Da hat sich fast jeder mit einer amerikanischen Fahne ausgestattet. In Berlin sind im Grunde alle vertreten. Ich staune immer, was sich da für Communitys finden.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Lieblingsflagge?

Hennlein: Kiribati. Das ist ein Inselstaat, der, was seine Fläche angeht, vorwiegend aus Wasser besteht. Die Flagge spiegelt das gut wieder. Unten Wasser, oben eine Sonne und ein Vogel. So würde ich mir die Flagge auch vorstellen. Eine gute Flagge muss unverwechselbar sein. Die Elfenbeinküste braucht man nur umzudrehen, dann hat man Irland. Da ist das nicht gut gelungen. Enttäuschungen gibt es manchmal bei Hawaii. Da erwartet man auch was Schönes mit Palmen und Sonne. Letztlich ist es aber eine Flagge mit blau-weiß-roten Streifen und einer kleinen britischen Fahne oben in der Ecke.

ZEIT ONLINE: Die EM ist für viele auch eine gute Zeit, um ihr Flaggenwissen aufzufrischen.

Hennlein: Für viele ist es immer noch schwer, den Unterschied zwischen Italien und Ungarn zu sehen. Auch Belgien und Deutschland werden oft verwechselt, sollte aber nicht passieren. Das ist ein großes Manko, die Flaggen werden nicht in der Schule gelehrt. Oft kennen selbst die Lehrer sie nicht. Das ist teilweise erschreckend.

ZEIT ONLINE: Was sind gerade die Renner neben Island?

Hennlein: Die Deutsche bleibt ein Renner. Auch Kroatien, Polen und Ungarn waren stark gefragt. Nach dem Ausscheiden bei der Fußball-EM hat das abgenommen. Frankreich und Italien spielen auch immer eine Rolle. Die haben wir in allen Formaten da. Viele wollen für die Gartenparty auch gern mal was Großes hinhängen.

ZEIT ONLINE: Würden Sie selbst auch mit einer Fahne bekleidet auf die Fanmeile gehen?

Hennlein: Die Fanmeile selbst ist nicht so meine Welt, weil die mir zu voll ist. Aber am Samstag bin ich auf einer Gartenparty, um das Deutschlandspiel zu schauen und da werde ich nicht undekoriert erscheinen. Ich finde das auch okay.