Am Ende ist also alles gut gegangen: Frankreich hatte in den ersten 20 Spielminuten des EM-Viertelfinales gegen Island vier Großchancen, nutzte davon zwei und konnte sich früh auf den nächsten Gegner Deutschland freuen. 70 Minuten waren da noch zu spielen. Die französische Nationalmannschaft verbrachte sie überwiegend im Trab – und schoss trotzdem noch drei Tore.

Nachdem Island vor ein paar Tagen mit England die wahrscheinlich größte Spekulationsblase der Fußballgeschichte besiegt hatte, sind dem Außenseiter die Herzen aus ganz Europa zugeflogen. Das Spiel gegen Frankreich sah allerdings aus, als hätte sich der SV Sandhausen ins ausverkaufte Stade de France verirrt. Gewiss: Die Isländer spielten aufopferungsvoll, fleißig und gut organisiert. Doch eine reelle Chance hatten sie zu keiner Sekunde. Frankreich war nicht nur in allen Belangen überlegen; die Mannschaft wirkte auch, als hätte sie zu jeder Zeit noch ein oder zwei Gänge höher schalten können, wäre es denn nötig gewesen.

Dabei klang Frankreich unter der Woche noch alles andere als selbstgewiss: Island hatte in diesem Turnier nicht nur genauso viele Toren geschossen wie die Franzosen, sondern es außerdem vermocht, durchschnittlich 35 Prozent Ballbesitz in eine Teilnahme an einem EM-Viertelfinale zu verwandeln. Auch an den September des Jahres 1998 erinnerte man sich plötzlich wieder: Damals musste der frischgebackene Weltmeister Frankreich in Island zum ersten Qualifikationsspiel antreten und brachte es gerade so zu einem 1:1. Der Torschütze für Island hieß damals übrigens Dadason.

Schwachpunkt bleibt die Hintermannschaft

Erschwerend kam hinzu, dass in den Tagen vor dem Spiel gleich zwei schlechte Nachrichten eingetroffen waren: Erst hatte Wales den großen Favoriten Belgien besiegt. Und dann ist in Wimbledon auch noch der große Favorit Novak Đoković gegen den weitgehend unbekannten Amerikaner Sam Querrey ausgeschieden. Für Unbeteiligte mag es so aussehen, als hätten diese Ereignisse wenig miteinander zu tun; in Frankreichs Sportpresse sind sie allerdings mit einiger Aufmerksamkeit bedacht worden, aufgrund zweier Erkenntnisse: dass in EM-Viertelfinals kleinste Kleinigkeiten für die Entscheidung sorgen können – und dass die Sterne für Favoriten in dieser Woche wahrlich nicht besonders gut standen. 

Die französische Mannschaft hat diese missliche Lage nun allerdings dazu genutzt, ihr bislang souveränstes Spiel bei dieser Europameisterschaft zu zeigen. Gegen Island war erstmals zu beobachten, über wie viele Möglichkeiten Frankreich offensiv verfügt, wenn sich die Spieler erst einmal aufeinander eingestellt haben. Und sich nicht wie in den ersten vier Spielen des Turniers in erster Linie gegenseitig im Weg stehen. 

Giroud verwandelte also einen Heber von Blaise Matuidi aus der eigenen Hälfte direkt zum 1:0. Paul Pogba köpfte eine Ecke von Antoine Griezmann zum 2:0 ein, obwohl die isländischen Innenverteidiger nicht einmal schlecht postiert waren. Pogba sprang nur einfach über sie drüber. Das dritte Tor erzielte der Fernschuss-Spezialist Dimitri Payet, wiederum nach Vorlage von Griezmann. Und das 4:0 noch vor der Pause markierte schließlich Griezmann selbst. Damit hat der Franzose in den letzten beiden Spielen seines Teams drei Tore und zwei Vorlagen gesammelt – und damit mehr, als irgendein deutscher Spieler im gesamten Turnier vorzuweisen hat.  

Giroud + Griezmann = "Grizou"

Giroud, Pogba, Payet, Griezmann: Jeder dieser Spieler kann ein Spiel alleine entscheiden, und das mussten sie im Laufe dieses Turniers auch meistens. Die schlechte Nachricht für die deutsche Mannschaft lautet nun, dass Frankreichs große Individualisten jetzt auch noch harmonieren. Vor allem Giroud und Griezmann funktionieren zusammen so gut, dass das Gebilde schon einen eigenen Namen bekommen hat: "Grizou". 

Der lange Giroud spielt mit dem Rücken zum Tor, bindet im Idealfall zwei Abwehrspieler und lässt die hohen Bälle nach hinten abtropfen. Dort wartet dann der kleine, wendige, dribbelstarke Griezmann, schließt selbst ab oder nutzt seine Übersicht für Vorlagen in Richtung Payet oder Pogba. Die deutsche Innenverteidigung, der im Halbfinale Mats Hummels gelbgesperrt fehlen wird, muss sich wohl auf einen arbeitsreichen Abend einstellen.

Oder ihr Heil in der Offensive suchen, denn die größte Schwäche der Franzosen ist ihre Verteidigungslinie: Die Außenverteidiger Patrice Evra und Bacary Sagna sind nicht mehr ganz so schnell, dem ersten Innenverteidiger Laurent Koscielny mangelt es an Kopfballstärke und dem zweiten Innenverteidiger Adil Rami an allem anderen. Gegen Island war Rami wegen seiner zweiten gelben Karte gesperrt, weshalb der 22-jährige Samuel Umtiti die Position übernahm. Dass das allerdings noch einmal vorkommt, ist durch seinen Auftritt gegen Island nicht unbedingt wahrscheinlicher geworden.