Das Hu! war noch lauter als sonst, diesmal aber etwas melancholischer. Auf der anderen Seite des Stadions feierten die Franzosen mit ihren Fans, die gerade ins Halbfinale der Fußball-EM eingezogen waren. Dort werden sie auf Deutschland treffen. Doch die größte Aufmerksamkeit gehörte den isländischen Fans und Spielern. Ihnen und ihrem Anfeuerungsruf, zu dem Zigtausende synchron mit erhobenen Armen in die Hände klatschen, in immer kürzeren Abständen.

Das wirkte wie immer anständig. Die Ordner lächelten freundlich. Zuschauer zückten ihre Handys, um Fotos von den putzigen Nordländern zu schießen. Auch ein paar Tränen waren zu sehen. Die Isländer waren neben Halbfinalist Wales eine der zwei großen Überraschungen dieser EM. Sie schlugen Österreich, sie verabreichten England den zweiten Brexit. Auch wenn Wales noch im Turnier ist, ein Titel ist den Isländern nicht mehr zu nehmen: der des Everbody's Darlings. Alle schlossen die Wikinger ins Herz, drückten ihnen die Daumen. Auch im Viertelfinale gegen Gastgeber Frankreich.

Der Kapitän Gunnarsson katapultierte erneut seine Einwürfe vor das Tor, aber es half nichts, ein weiteres Wunder blieb aus. Schon zur Halbzeit führte Frankreich 4:0. Schon da war also klar, dass ab dem nächsten Tag wieder Menschen auf Island sein würden. Denn die scheinen ja in den letzten Wochen alle in Frankreich gewesen zu sein. Man erkennt sie an den wilden Bärten und den gehörnten Plastikhelmen. Und daran, dass sie jedes Spiel zum Heimspiel machen.

Nun muss die Fußballwelt Abschied nehmen von einem Team, das sich so mancher als Zweitmannschaft hielt. Die Isländer waren das St. Pauli dieser EM, so beliebt wie kleine Eisbärjungen. Man konnte sich im Internet seinen Namen islandisieren lassen. Oder sich hundert Mal die ekstatischen Schreie des Kultreporters Gummi Ben anhören.

Selbst die Uefa ist gerührt

Im Stade de France stand der isländische Präsidentschaftskandidat Guðni Thorlacius Jóhannesson im Fanblock, natürlich im blauen Trikot, und sah das letzte Spiel von Eiður Smári Guðjohnsen, dem besten Fußballer der isländischen Geschichte. Vor 20 Jahren gab er sein Debüt, als er für seinen Vater eingewechselt wurde.

Noch einmal wurde viel gesungen. Die Isländer singen sehr hoch, weil viele Kinder und Frauen im Fanblock dabei sind – sie singen glockenhell. Fast klingt es, als würde Enrique Iglesias auf einem seiner Konzerte auf einmal sein Mikro abschalten und seine Fans würden weitersingen. Selbst die französischen Fans stimmten mehrfach das Hu! an. Bei ihnen heißt es 'u!

Olivier Giroud, zweifacher Torschütze und Man of the Match, nahm sich Zeit, um den Isländern für ihr Turnier zu gratulieren. Ein Verantwortlicher der Uefa, der neben ihm saß, bekam feuchte Augen. Der Trainer Lars Lagerbäck haderte zwar mit der 2:5-Niederlage, bedankte sich aber bei allen für das tolle Erlebnis, nicht zuletzt bei den Fans.

Dann ließ uns Island alleine. Nicht jedoch ohne eine letzte gute Tat, von der besonders die Deutschen profitieren könnten: Nun hat alle Welt gesehen, wie man gegen Frankreich zwei Tore schießen kann.