Kut, ruft der Mann mit der Rolling-Stones-Halskette. Etwa 20 Minuten vor dem Ende des Spiels hat Toby Alderweireld eine Kopfballchance vergeben. Kut, klingt es noch mal, zweifellos aus einem niederländischen Mund, denn Flamen verwenden das drastische Schimpfwort so gut wie nicht. Der Mann trägt Sonnenbrille, Goldschmuck und ein Originaltrikot des belgischen Teams. 85 Euro hat er dafür ausgegeben, extra für die EM. Aus den Lautsprechern schreit der Reporter den Roten Teufeln Mut zu.

Vor den Bildschirmen im Café De Pepel im niederländischen Maastricht ist kein Durchkommen mehr während des Viertelfinales zwischen Belgien und Wales. Zum fünften Mal bei diesem Turnier. Ein paar Hundert Meter weiter ist die Grenze zu Belgien, doch seit drei Wochen sind hier alle Belgier. Nicht nur, dass sie den Kickern aus dem nahen Nachbarland die Daumen drücken. Draußen auf dem Bordstein steht auch ein echter Grenzpfahl, grau und anderthalb Meter hoch, mit Bändchen in den belgischen Farben geschmückt.

"Drei Wochen vor der EM saßen wir hier zusammen, die gleiche Gruppe wie jeden Montag Abend", sagt Jos Randas, ein freundlicher Frührentner. In besagter Gruppe ist er der einzige Belgier. Klar, sie wollten die EM gucken und nicht als Unbeteiligte. Die Niederländer hatten ja leider die EM-Qualifikation verpasst.

Der Inhaber des Cafés hatte die Idee, einfach die Grenze zu verlegen. Im Zeitungsladen drüben in Belgien erstand man die Dekoration, Wimpel und Fähnchen, die sich durch das ganze Café ziehen. Ein anderer Stammgast hat den Grenzpfahl nachgebildet und kurz vor EM-Beginn weihte der Bürgermeister den Pfahl ein und der Pfarrer segnete ihn mit einem Glas Duvel.

Die belgische Bierspezialität wird zum Anstoß auf Kosten des Hauses kredenzt, von Barfrauen, die schwarz-gelb-rote Schminke auf den Wangen tragen. Auch vom Giebel des niedrigen Gebäudes flattert die belgische Tricolore und ähnlich wie in den Bars in den umliegenden belgischen Dörfern haben sich Menschentrauben vor dem Eingang gebildet. Weiter drin in den Niederlanden sieht man in diesem Sommer hingegen kaum, dass EM ist. Engeland vs Ijsland oder Duitsland vs Noord-Ierland werden auf den Hinweistafeln von Cafés mit Bildschirmen angekündigt, so unbeteiligt, als sei dies eine Rugby-WM.

"Natürlich sind wir hier alle Belgier, wenn die Niederlande nicht mitspielen", versichert Erik van Leeuwen, geboren in den Niederlanden, der seit 15 Jahren aber in einem belgischen Dorf in der Nähe wohnt. An diesem Abend hat er sich in Schale geworfen, De-Bruyne-Trikot und schwarz-gelb-rote Mütze. Es ist sein erstes Match hier, Freunde haben ihn mitgebracht, der Stimmung wegen. Van Leeuwen, selbstständiger Unternehmer, ist begeistert von den Roten Teufeln. Die Kritik während der Vorrunde versteht er nicht. "Guck dir doch mal Portugal an, die haben, wenn überhaupt, nur mit Verlängerung und Elfmetern gewonnen."

Als wollten Hazard und seine Mannen ihn bestätigen, legen sie mit einer Dreifachchance los. Etwas mehr als die Hälfte der Besucher sind Niederländer und dass die den Nachbarn die Daumen drücken, findet Erik van Leeuwen nur logisch. "Es liegt auch an Limburg, der Region hier, die ist ja auch auf beiden Seiten der Grenze." Unterschiede in der Fankultur sieht er allerdings deutlich. "Wenn die Niederlande dabei sind, wird die ganze Welt Oranje. Ein Belgier läuft nicht so schnell verkleidet über die Straße." Gleich darauf fahren seine Arme in die Luft. Nainggolan hat abgezogen, 1:0. Belgische und niederländische Limburger wähnen sich im Halbfinale.