Fußballkommentatoren haben es schwer. Es heißt, es gebe 82 Millionen Bundestrainer, aber es gibt auch 82 Millionen TV-Kommentatoren, mindestens. Ob Béla Réthy, Steffen Simon oder Tom Bartels, alle bekommen es ab. Die Zuschauer fordern weniger Floskeln, weniger unqualifizierte Wertung, weniger peinliche Versprecher.

Forderungen, die hier und da ja wirklich legitim sind und deren Lösung paradoxerweise in einem Mehr liegen könnte: mehr steile Thesen, mehr Wissen, mehr Konflikt, vielleicht auch mehr Herzblut. Oder ganz einfach: Zwei Kommentatoren zur gleichen Zeit.

In den USA, dem Hort der Sportunterhaltung, ist dieses Modell üblich. Dort wird oft sogar zu dritt kommentiert. Mike Breen, Jeff Van Gundy und Mark Jackson stellen in den NBA-Finals für den Sender ABC jedes Jahr einen neuen Rekord für das am längsten zusammengebliebene Kommentatorengespann auf. Die drei provozieren Aufreger und, zugegeben, einzeln sind sie jeweils nicht die besten ihres Fachs. Aber zusammen funktionieren sie. Den größten Unterschied zu den Hypnosemonologen bei hiesigen Fußballübertragungen macht nämlich nicht die Anzahl der Kommentatoren, sondern das Format, die unterschiedlichen Aufgabenstellungen.

Die amerikanischen Kommentatoren teilen sich das Spiel auf. In Play-by-play, ein faktisch erzählendes Begleiten des Spielgeschehens und den color commentary, wenn man so will den untermalenden Kommentar. Ersteres wird hauptsächlich von einem dafür ausgebildeten Journalisten übernommen, jemand wie, nun ja, Béla Réthy, Steffen Simon oder Tom Bartels. Für Untermalung sorgen ehemalige Athleten oder Trainer, so wie das etwa bei Sport1 zum Teil Thomas Helmer macht, der aber eben immer in gesonderte Sendungen für Fußball-Experten gesteckt wird. Der color commentary selbst reicht von schmückenden Anekdoten ("bei uns damals war das noch anders… ") bis hin zu technischen Analysen.

Organisierter Dialog

Wenn natürlich ehemalige Spieler oder Trainer als vermeintliche Experten nur verpflichtet werden, weil sie ehemalige Spieler oder Trainer sind, funktioniert das nicht. Der Dialog muss live organisiert werden, dazu gehört Erfahrung und Talent. Wie in diesem Beispiel.

Das erwähnte ABC-Trio Breen/Jackson/Van Gundy zeigt, wie das Zusammenspiel von begleitender Erzählung und untermalendem Kommentar funktioniert. Die "Ehemaligen" Van Gundy und Jackson analysieren ein Offensivfoul, das während einer Spielunterbrechung gezeigt wird. Van Gundy sah kein Foul und verweist auf das Regelwerk. Jackson will schon einhaken und dagegen argumentieren, da meldet sich der Einordner Breen mit einem Vergleichsbeispiel zu Wort und beschreibt die nächste Szene, weil der Ball wieder im Spiel ist. Danach wird die kontroversere Szene von vorher noch einmal eingespielt, damit sich Van Gundy und Jackson herrlich darüber streiten können. Van Gundy teilt ordentlich aus: "Du bist also in New York aufgewachsen? Ich würde gerne sehen, wie du dieses Offensivfoul auf dem Freiplatz einforderst." Breen schlichtet: "Andersrum würde ich das auch gerne sehen". Weiter zum nächsten Angriff.