War doch klar, was passieren würde, bei diesem Namen. Jonas und Hektor, das sind zwei große Helden aus zwei großen Erzählungen der Menschheit. Hier Jonas aus der Bibel, der nicht auf Gott hören wollte und erst im Bauch eines Fisches zur Vernunft kam, in dem er es drei Tage und Nächte aushalten musste. Dort Hektor, der älteste Sohn des Priamus, den Homer in seiner Ilias edel besungen hat, was aber Brad Pitt nicht störte, der Hektor erst eine Lanze und dann ein Schwert in den Brustkorb rammte.

Für Jonas Hector ging die Sache gegen Italien besser aus als für seinen trojanischen Namensvetter. Aber dieses EM-Viertelfinale war mindestens so aufregend wie das Techtelmechtel damals. Vor allem eben für Jonas Hector, 26 Jahre alt, der zum Helden des Abends wurde, weil er den entscheidenden Elfmeter irgendwie ins Netz bugsierte. Er wollte ja gar nicht so richtig, den letzten habe er in der Jugend geschossen, wird er sich später erinnern, aber so viel Schützen waren nicht mehr übrig. Also trat er, der Außenverteidiger vom 1. FC Köln, den der gemeine Fanmeilenbesucher erst einmal googeln muss, gegen Gigi Buffon an, der schon seit biblischen Zeiten im italienischen Tor steht.

Hector durfte dann jubelnd abdrehen, wie es die Schützen von entscheidenden Elfmetern eben tun. Doch in diesem Jubel und dem Trubel danach zeigte sich, wer er ist, dieser Jonas Hector. Ein wenig anders nämlich. Seinen Siegeslauf nach dem Elfmeter teilte er sich mit Manuel Neuer, der vorher mit zwei gehaltenen Elfern den vielleicht sogar noch größeren Teil zum Erfolg beigetragen hatte. Und als Hector, der immerhin gerade ein kleines Stückchen deutsche Fußballgeschichte geschrieben hatte, nach dem Spiel Reportern erklären sollte, was da passiert war, hätte er die üblichen Fußballerstanzen von sich geben können. Machte er aber nicht. Er wirkte herrlich uneuphorisch. "Irgendwann muss man dann", sagte er, als es darum ging, wann er wohl an die Reihe kommen könnte. Es klang, als würde er berichten, wie er vorm Training des 1. FC Köln die Bälle aufpumpt.

Inmitten der Super- und Supersuperstars in der Fußballwelt ist Jonas Hector eine Ausnahme. Er wirkt wie einer der wenigen Profis, der tatsächlich Demut hat, für das Glück, in eine Zeit geboren zu sein, die einem zum Star macht, nur weil man besser als die meisten anderen einen Ball ins Tor schießen kann. Er genieße es, dass er "mit meinem Hobby Geld verdienen kann".

Nebenbei studiert Hector BWL und er trägt abseits des Spielfelds öfter mal eine Brille. Das reicht schon, um in Fußballerkreisen den Spitznamen "Schlaubi" verpasst zu bekommen, nach dem Schlumpf, der alles besser weiß. Auch Spieler, die Bücher lesen, sollen ja angeblich mit sanftem Spott leben müssen, solange die Playstation Strom hat. Hector kümmert sich eben mehr um seine linke Außenbahn als um seinen Twitter-Account, er hat nämlich keinen. Will man ihn in den sozialen Netzwerken sehen, muss man bei seinem Kollegen Lukas Podolski reinschauen, dem Kölner Helden vergangener Tage, der stolz wie ein Groupie Selfies mit Hector veröffentlichte.

Dass Hector für den 1. FC Köln spielt, das ist insofern erwähnenswert, weil seine Kollegen auf dem Platz vor allem bei titelgekrönten Vereinen wie dem FC Bayern, Real Madrid oder Juventus Turin ihr Geld verdienen. Hector dagegen hat noch nie in der Champions League gespielt, auch nicht in der Europa League, er wurde auch noch nie Meister. Im Informationsheft des DFB für die EM steht bei Jonas Hector unter dem Punkt "Erfolge im Verein" ein Strich. Obwohl Hector sicher anmerken würde, dass der Aufstieg in die Oberliga mit dem SV Auersmacher sehr wohl ein Erfolg war. Fünfte Liga, das ist doch was für ein 2.500-Einwohner-Örtchen. Hector feierte den Aufstieg damals auf einem Traktor.