Der Routinier Andrea Barzagli erstarrte, als der Deutsche den Ball an ihm vorbeilegte. Bis dahin hatte Italiens Abwehr so gut wie jeden Pass abgefangen, doch diesmal wurde sie auf dem falschen Fuß erwischt. Sekunden später fiel das 1:0. Vermutlich hatte Barzagli einfach nicht damit gerechnet, dass der, der da am Ball war, zu einem solchen Traumpass fähig ist. Denn es war nicht der Spielmacher Özil oder der Taktgeber Kroos. Es war Mario Gómez.

Bis vor wenigen Monaten konnte auch Mario Gómez nicht damit rechnen, dass er im Sommer 2016 Tore für Deutschland schießen und vorbereiten würde. Dass die Fußballnation ihn mal nicht nur vermissen, sondern gar entsetzt auf seine Verletzung reagieren würde. Über Gómez, den stolpernden Chancentod, wurde gelacht.

Noch als er im März erstmals seit zwei Jahren wieder für die Nationalelf nominiert wurde, runzelten viele Fans die Stirn. Nun ist das Bedauern groß. Gómez fällt verletzt aus, ein Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel. Keine schwere Verletzung, aber zumindest so schwer, dass er bei dieser EM nicht mehr eingreifen können wird. Ohne Gómez ist die Chance des deutschen Teams geringer, dieses Turnier zu gewinnen. Auch Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger sind angeschlagen, ihr Einsatz im Halbfinale gegen Frankreich fraglich. Mats Hummels ist gegen Frankreich gesperrt. Doch der Ausfall von Gómez dürfte am schwersten wiegen. Denn mit Gómez kamen die Tore.

Der Mittelstürmer ist wieder in Mode

Das Verhältnis von Gómez zur Nationalelf war von Beginn an kompliziert. Das hatte verschiedene Ursachen, die aber alle nicht so richtig überzeugten. Bei der EM 2008 schoss er gegen Österreich einen Ball aus einem halben Meter Entfernung übers leere Tor, das hing ihm lange nach. Gómez galt fortan als Chancentod, Fans pfiffen ihn aus, Journalisten machten sich über ihn lustig. Er war nie der moderne Stürmer, der mitspielt und mitverteidigt. Seine physische Interpretation des Angreifens schien aus der Mode gekommen zu sein. Auch galt er manchen als Schönling.

Es mag in der Tat elegantere Stürmer geben als ihn, aber wenige, die auf dem höchsten Niveau mehr Tore schossen als er. In Deutschland schon gar nicht. Seine zwölf Tore für Bayern München in der Champions-League-Saison 2012 sind noch immer deutscher Rekord.

Löw schien dennoch nie von Gómez überzeugt. Bezeichnend, wie er ihn bei der EM 2012 einsetzte. In der Vorrunde schoss Gómez drei Tore. Im ersten Spiel der K.-o.-Runde gegen Griechenland nahm er ihn raus und ersetzte ihn durch Miroslav Klose. Im Halbfinale gegen Italien stellte er wieder Gómez auf. In der Pause, beim Stand von 0:2, holte er ihn wieder vom Feld.

2014 nahm Löw Gómez, in der Zwischenzeit von den Bayern nach Florenz abgeschoben, gar nicht erst mit zur WM nach Brasilien. Gómez war angeschlagen, hatte aber auf eine Nominierung gehofft, weil auch andere angeschlagen waren. Er beschwerte sich nie über diese Illoyalität, obwohl andere Spieler mit nach Brasilien fuhren, die nur auf der Bank saßen. Gómez war über Jahre Teil dieser Mannschaft gewesen und wäre gerne Weltmeister geworden, selbst wenn er nicht gespielt hätte.

Umso überraschender war Gómez' Nominierung in diesem Frühjahr. Zwar schoss er längst wieder Tore, 26 sogar, damit wurde er Torschützenkönig und Meister, aber nur in der zweitklassigen türkischen Liga. In den ersten beiden EM-Spielen setzte der Trainer noch auf Mario Götze, die falsche Neun, einen unechten Stürmer. Doch im dritten Spiel war Gómez' Zeit gekommen. Gegen Nordirland gelang ihm das einzige Tor. Im Achtelfinale gegen die Slowakei traf er mit seinem schwachen linken Fuß. Den Treffer gegen Italien bereitete er vor.

Gómez war auch in Frankreich nie der aktive Stürmer, aber der Strafraum ist sein Revier. Er profitiert davon, dass der große, kräftige, athletische Mittelstürmer zurzeit wieder in Mode ist. Die Franzosen haben Giroud, die Belgier Lukaku, die Italiener Pellè, die Spanier Morata. Es ist ein Rückwärtstrend, der an diesem spielerisch schwachen Turnier zu beobachten ist.

Seine technischen Probleme hat Gómez nicht abgelegt. Vor seinem Traumpass gegen Italien wäre er fast mit dem Ball ins Aus gerannt. Gegen Nordirland vergab er nach seinem Tor eine Chance kümmerlich. Verletzt hat er sich bei einem Hackenschuss gegen Gigi Buffon. Er musste zu dieser komplizierten Lösung greifen, weil er den Ball nicht perfekt angenommen hatte.

Doch Gómez' Ausfall ist eine Schwächung für die deutsche Elf. Das sah man schon nach seiner Auswechslung gegen Italien. Abgesehen von dem Kontertor durch Schweinsteiger im ersten Spiel gegen die Ukraine war Gómez an allen Treffern beteiligt, die Deutschland aus dem Spiel heraus erzielte.