ZEIT ONLINE: Sergej Litvinov, Sie kommen gerade aus dem Kreml, wo Wladimir Putin die Sportler empfangen hat, die an den Olympischen Spielen teilnehmen oder teilnehmen sollten. Was hat er Ihnen gesagt?

Sergej Litvinov: Er sagte, dass die Entscheidung, uns Leichtathleten auszuschließen, politisiert ist. Wir Leichtathleten haben uns ja neun Monate lang auf die Situation eingestellt. Dass wir nicht nach Rio fahren dürfen, haben wir apathisch aufgenommen. Jetzt kamen die ganzen Emotionen hoch. Viele Sportler haben geweint.

ZEIT ONLINE: Teilen Sie die Einschätzung von Wladimir Putin?

Litvinov: Zu Beginn des Skandals haben Journalisten einfach gute Arbeit gemacht und viele Verfehlungen aufgedeckt. Aber wo viel Lärm ist, da mischt eben auch die Politik mit, davon sind einige Sportler überzeugt. Manchen kommt diese Geschichte gerade recht, da Russland derzeit politisch ohnehin schlecht dasteht.

ZEIT ONLINE: Sie halten den Ausschluss der Leichtathleten für Politik?

Litvinov: Ich bin der Letzte, der sagen würde, dass wir keine Probleme haben im russischen Sportsystem. Wir haben eine Menge und wir müssen sie lösen.

ZEIT ONLINE: Welche sind die größten?

Litvinov: Es fehlt an einem transparenten Dopingsystem, das alle Sportler erfasst. Wir brauchen Kontrollen von außen. Und die Mentalität muss sich ändern. Gedopte Sportler werden bei uns noch immer häufig als Helden gefeiert und ausgezeichnet. Das muss sich ändern. Aber das lässt sich nicht forcieren. Das Denken verändert sich nicht von heute auf morgen, im Übrigen auch in Deutschland nicht. Man darf uns jetzt nicht an den Worten messen.

ZEIT ONLINE: Was hätte Ihrer Meinung nach Wada und IAAF tun sollen?

Litvinov: Wada und IAAF spielen nicht mehr nach den Regeln. Das ist das Schlimmste! Forderungen und Regeln wurden verändert. Bei der Verlängerung der Sperre gegen uns am 17. Juni dieses Jahres hieß es auf einmal, wir hätten die letzten zwei Jahre nicht in Russland trainieren dürfen. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich mich daran gehalten. Aber ich kann keine Zeitmaschine kaufen.

ZEIT ONLINE: Ansonsten haben Sie alle Anforderungen erfüllt?

Litvinov: Ich habe die IAAF darum angebettelt, kontrolliert zu werden. Sie haben mich vor Monaten aus dem Sportlerpool ausgeschlossen. Fortan sollte mich die russische Antidopingagentur, die Rusada, kontrollieren. Wie können sie der Rusada vertrauen, die in den Dopingskandal verwickelt ist? Ich habe mich beschwert und die IAAF aufgefordert, mich wieder aufzunehmen. Sie wollte nicht. Sieben Monate lang wurde ich nicht kontrolliert. Die Schlampigkeiten sind unglaublich.

ZEIT ONLINE: Was werfen Sie der Wada vor?

Litvinov: Nehmen Sie den Umgang mit den Whistleblowern. Eine Diskuswerferin hat schon 2012 dem Dopingkontrolleur Rodschenkow vorgeworfen, dass er ihre Probe gegen Geld verschwinden lassen hat. Niemand hat reagiert. Erst als der deutsche Journalist Hajo Seppelt seine Filme über Doping in Russland gezeigt hat und die Vorwürfe immer schwerer wurden, wachte die IAAF langsam auf. Anderthalb Jahre später! Davor hat sie das nicht interessiert. Jetzt will sie ihren eigenen Ruf retten. Und wir Sportler werden dem Löwen zum Fraß vorgeworfen und alle schauen zu.