Als Hitler am 1. August vor 80 Jahren die Olympischen Sommerspiele in Berlin eröffnet, entsteht ein paar Kilometer weiter in Oranienburg gerade das Konzentrationslager Sachsenhausen. Es soll ein Lager mit Modellcharakter werden und auch als Ausbildungsstätte für KZ-Mannschaften dienen.

Hitler hat die Spiele zur größten bis dahin bekannten Sportshow der Welt ausgebaut und perfekt inszeniert; bis heute gilt die Olympiade unter dem Hakenkreuz als Synonym der Verführungskraft einer Diktatur. Es waren die ersten instrumentalisierten Spiele, und auch wenn das Regime vorgab, nicht judenfeindlich zu sein, wurden bereits während der Spiele Juden ausgeschlossen, denunziert und das IOC ließ es geschehen. Selbst der Chefplaner der Spiele wurde angegriffen, weil er jüdischer Abstammung war.

Ein "Halbjude" begeisterte Hitler für die Spiele

Dabei stand Hitler der Olympiade zunächst selbst ablehnend gegenüber. Besonders die völkerverbindende Idee von Olympia missfiel ihm, weil sie dem Verständnis von der Dominanz einer Nation und einer "Rasse" entgegenlief. 1932 hatte Hitler noch verächtlich getönt, Olympia sei nichts anderes als ein "Komplott aus Freimaurern und Juden".

Es war Theodor Lewald, Präsident des Deutschen Olympischen Komitees, der Hitler für die Spiele begeisterte. Lewald, Neffe der Salonnière Fanny Lewald, hatte Hitler darauf hingewiesen, dass ein Olympiastadion auch für politische Veranstaltungen verwendet werden könne. Das leuchtete Hitler sofort ein. Ab sofort waren die Olympischen Spiele eine Reichsaufgabe. Lewald war ergriffen: "Der Führer drückte mir lange und warm die Hand, und man fühlte ihm das Glück an, Urheber einer solch gewaltigen Schöpfung zu sein". Lewald war als Olympiakommissar der Macher der Olympischen Spiele von 1936.

Theodor Lewald hatte seit 1927 die Möglichkeit von Olympischen Spielen in Deutschland sondiert. Er sorgte dafür, dass das Deutsche Reich 1928 wieder in die internationale Sportgemeinschaft aufgenommen wurde und die Spiele in Amsterdam auf Platz zwei der inoffiziellen Nationenwertung abschloss.

Dabei war er selbst eher national gesinnt. Hitler schrieb er: "Der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen wird getreu seiner Vergangenheit alle seine Kraft dafür einsetzen, dass dem gewaltigen Strom der nationalen Erneuerung, der heute ganz Deutschland machtvoll und befruchtend durchrauscht, alle Flüsse, Bäche und Quellen der großen Turn- und Sportbewegung zugeleitet werden zur Wahrung deutscher Jugendkraft, Stärkung nationaler Gesinnung, zur Erziehung eines wehrhaften Geschlechts".

"Prinzipiell" war niemand ausgeschlossen

Und das, obwohl die Nazis mit Lewald ein Problem hatten. Die Nürnberger Gesetze hatten ihn zum "Halbjuden" gemacht, auch wenn er durch Taufe und Familientradition keinen Bezug mehr zum Judentum besaß. Er wurde von Nationalsozialisten heftig angegriffen, sein Rücktritt war bereits gemeldet. Nur konnte Hitler es sich nicht leisten, ihn vor den Olympischen Spielen aus dem Amt zu entlassen, ohne einen Boykott des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu riskieren.

Das IOC zeigte sich mehrfach beunruhigt darüber, dass die Nationalsozialisten die Teilnahme bestimmter Personen aus "rassischen" Gründen verhindern könnten. Vor allem in der zweiten Jahreshälfte 1935 machte sich eine internationale Opposition gegen die Spiele bemerkbar. Wegen der Nürnberger Rassengesetze erschien die Zusage, dass auch jüdische Sportler in der deutschen Mannschaft würden starten können, immer unglaubwürdiger. Die amerikanische Öffentlichkeit diskutierte über einen Boykott der Spiele von 1936. Deutschland musste sich unter massivem Druck des IOC verpflichten, jüdische Sportler "prinzipiell" nicht von den Olympischen Spielen auszuschließen.

Auch das US-Komitee machte mit

Doch auch das amerikanische Olympiakomitee spielte im Vorfeld der Spiele eine unrühmliche Rolle. Zunächst hatte Avery Brundage, führender US-Sportfunktionär im US-Komitee, mit einem Olympiaboykott gedroht, wenn deutsch-jüdische Sportler an den Spielen nicht teilnehmen dürften. Zeitgleich kooperierte er aber mit der NS-Sportführung. Brundage war schon 1934 nach Deutschland gereist, hatte aber niemanden gesehen, der diskriminiert wurde. Er wollte niemanden sehen.

Brundage beschäftigte sich mit der Diskriminierung außerhalb des Sports nicht. Er war einverstanden mit der Judenpolitik der Nazis, weil er sie in ähnlicher Form bereits kannte. In seinem Chicagoer Club galt auch ein Arierparagraf. Juden waren nicht erlaubt, wie er süffisant bemerkte. So kam es, dass die Amerikaner vor den Nazis kuschten und ihre beiden einzigen jüdischen Athleten in der Mannschaft, Marty Glickman und Sam Stoller, auch nicht antreten ließen. Die USA erwogen nie ernsthaft, fernzubleiben.

Opfer der Funktionäre wurden die Sportler

Die Formulierung, dass Deutschland "prinzipiell" Juden nicht ausschließen durfte, führte zu weiteren schändlichen Winkelzügen. Gretel Bergmann war Deutschlands beste Hochspringerin. Das passte den Nazis nicht. Die von ihnen propagierte Überlegenheit der "arischen" über die "degenerierte jüdische Rasse" durfte nicht durch "Muskeljuden" konterkariert werden. Um kritische Stimmen im Ausland zu beschwichtigen, wurde Bergmann von den Nationalsozialisten zunächst demonstrativ nominiert.

Bergmanns Teilnahme an den olympischen Trainingskursen erwies sich allerdings bald als Hinhaltetaktik der Reichssportführung. Für die deutschen Leichtathletikmeisterschaften 1935 erhielt sie keine Starterlaubnis mit der zynischen Begründung, ihr Verein – Der Schild des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten – gehöre dem deutschen Leichtathletikverband nicht an. Aus ihrem Heimatverein, dem Ulmer FV, war sie seit April 1933 bereits ausgeschlossen. Jüdische Sportler hatten nicht die geringste Chance, für die Olympiamannschaft nominiert zu werden, weil sie sich über keinen Verein qualifizieren konnten.  

Auch der deutsche Leichtathletikverband machte mit. Er meldete im Hochsprung der Frauen statt der erlaubten drei nur zwei Teilnehmerinnen. Zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele teilte man Bergmann mit, sie könne ihrer unbeständigen Leistungen wegen nicht für die Olympiamannschaft nominiert werden. Als Lohn für ihre Einsatzbereitschaft bot man ihr eine kostenfreie Eintrittskarte für die Leichtathletikwoche an – eine Stehplatzkarte.

Die Sportpresse schwieg

Ihr Ausschluss aus dem Olympiakader war exakt datiert: Er erfolgte in dem Moment, als die amerikanische Olympiamannschaft sich am 15. Juli 1936 auf dem Luxusliner SS Manhattan an Pier 60 auf dem Hudson in New York nach Europa einschiffte und der Boykottaufruf verstummt war. Die gleichgeschaltete Sportpresse schwieg. Und in den Reihen der SA sang man bereits: "Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei!"

Offiziell galt Bergmann als verletzt. Mit den 1,60 Metern, die sie fünf Wochen vor den Olympischen Spielen gesprungen war, wäre Bergmann in Berlin mit der Goldmedaillengewinnerin Ibolya Csák, einer ungarischen Jüdin, ins Stechen um den Olympiasieg gekommen. Während im Berliner Olympiastadion die besten Leichtathletinnen der Welt um die Medaillen kämpften, sprach Gretel Bergmann beim amerikanischen Generalkonsulat in Stuttgart vor und beantragte ein Visum für die USA. 1937 emigrierte sie und wurde dort im selben Jahr US-Hochsprungmeisterin. Sie schwor, Deutschland nie wieder zu betreten, und die deutsche Sprache nie wieder zu benutzen. Vorsätze, mit denen sie erst in hohem Alter brach.

Die Besucher fanden ein zufriedenes Deutschland vor

Die eigentliche Rolle der "Alibijüdin" aber war nicht Bergmann, sondern einer anderen Sportlerin vorbehalten: Helene Mayer, Deutschlands bester Florettfechterin. 1925 wurde sie im Alter von 14 Jahren deutsche Meisterin. 1928 gewann sie bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Goldmedaille. 1929, 1931 und 1937 wurde sie Einzelweltmeisterin; 1929 und 1931 war sie Europameisterin. Mayer war attraktiv, wurde wegen der blonden Zöpfe und dem weißen Stirnband "blonde He" genannt und war Deutschlands erste Weltklassefechterin. Im Olympiajahr 1936 war sie jedoch bereits aus der Mitgliederliste ihres Offenbacher Fechtclubs gestrichen worden.

Trotzdem wurde sie für Olympia nominiert. Hitler wollte Rassentoleranz vortäuschen. Mayer war, in der Naziterminologie gesprochen und nach der Rassenarithmetik der Nürnberger Gesetze, "Halbjüdin", weil sie eine "arische" Mutter hatte. Damit konnten die Nationalsozialisten ihre Olympiateilnahme gerade noch goutieren. Mayer ließ die Weltöffentlichkeit offenkundig vergessen, dass eine "volljüdische" Kandidatin, nämlich Gretel Bergmann, die lange auch die Schlagzeilen dominiert hatte, in der olympischen Arena plötzlich fehlte.

Dazu trug auch bei, dass durch ihre äußere Erscheinung ein Kult entstand: Die Öffentlichkeit reagierte ähnlich begeistert wie über Steffi Graf. Mayer avancierte zum Star auf den Titelseiten der Illustrierten und Magazine.

Ein jüdisches Podest

Helene Mayer gewann in Berlin die Silbermedaille. Siegerin wurde Ilona Schacherer-Elek aus Ungarn, dritte Ellen Preis aus Österreich. Eine Blamage für die Nazis, denn alle drei Medaillengewinnerinnen waren jüdischer Herkunft. Bei der Siegerehrung hob auch Helene Mayer den Arm zum Hitlergruß. Dazu vermerkte der Romanist Victor Klemperer in seinem Tagebuch: "Die silberne Fechtmedaille für Deutschland hat die Jüdin Helene Mayer gewonnen (ich weiß nicht, wo die größere Schamlosigkeit liegt, in ihrem Auftreten als Deutsche des Dritten Reiches oder darin, dass ihre Leistung für das Dritte Reich in Anspruch genommen wird)."

Wegen dieser Momente fanden Besucher aus dem Ausland, die zu den Olympischen Spielen nach Berlin kamen, Deutschland ordentlich und zufrieden vor. Die amerikanische liberale Zeitschrift The Nation schrieb am 1. August 1936: "Man sieht nicht, wie jüdische Köpfe abgeschlagen oder auch nur gehörig geprügelt werden. (...) Die Menschen lächeln, sie sind freundlich und singen begeistert in Biergärten. Unterkunft und Verpflegung sind gut, billig und reichlich, und niemand wird von raffgierigen Hoteliers und Geschäftsinhabern übers Ohr gehauen. Alles ist schrecklich sauber".

Antisemitismus wurde vertuscht

Die NS-Führung hatte ihr Ziel erreicht, ihren Antisemitismus zu verpacken. Antisemitische Schilder wurden aus dem Straßenbild entfernt. Olympia 1936 war für die deutschen Juden eine illusorische Schonzeit. Es bleibt der bittere Nachgeschmack, dass zahlreiche Mitglieder des IOC bedenkenlos mit den Machthabern in Berlin kooperierten. Sie halfen der NS-Sportführung, die Welt für die Dauer der Spiele zu täuschen: Die offensichtliche und alltägliche Diskriminierung deutscher Juden sollte, da waren sich Nazis und IOC einig, zumindest während der Wettkämpfe in der Reichshauptstadt gegenüber der Weltöffentlichkeit vertuscht werden.

Eine Generation jüdischer Sportler wurde um ihre Träume und Hoffnungen nicht nur im Sport gebracht. Theodor Lewald überlebte nach seinem erzwungenen Rückzug von der internationalen Sportbühne die NS-Jahre, bis er am 15. April 1947 im Alter von 87 Jahren in Berlin starb. Helene Mayer starb 1953 in Heidelberg, sie wurde nur 42 Jahre alt. Gretel Bergmann lebt in New York. Sie ist 102 Jahre alt.

Ludger Heid ist Neuzeithistoriker als Lehrbauftragter an der Universität Duisburg-Essen.