Fünf Ringe zieren die Fassade des Hallenbads, das früher mal eine Farbenfabrik war. Doch bis zu den Olympischen Spielen in Rio war es für Rita Zeqiri ein weiter Weg. Jahrelang habe sie ihr Vater zum Training in Mazedoniens rund zwei Fahrstunden entfernte Hauptstadt Skopje chauffiert, erzählt die 20-jährige Schwimmerin aus Priština. "In Kosovo gab es lange kein Hallenbad. Als ich mit neun Jahren mit dem Schwimmen anfing, trainierten wir in einem 15 Meter kurzen Hotelpool. Als der geschlossen wurde, mussten wir ins Ausland fahren."

Ihr neues Trainingsbecken hat zwar nur vier Bahnen, aber mit 25 Metern immerhin halbe Olympialänge. Erst seit ihr Vater vor zwei Jahren seine Fabrik in ein Hallenbad für den von ihm gegründeten Schwimmclub KN Step Priština umbaute, kann Zeqiri im eigenen Land trainieren. Nur der Unterstützung ihrer Familie habe sie es zu verdanken, dass sie mit dem Schwimmen überhaupt weitermachen konnte, sagt die Jurastudentin.

Er habe nach dem Krieg für den Aufbau des Sports in Kosovo etwas beitragen wollen, sagt ihr Vater Agron. Darum habe er für die Schwimmhalle seines Clubs den Familienbesitz verscherbelt – und sein Unternehmen aufgegeben. "Wir erhielten dafür keinerlei Hilfe – von niemandem." In Kosovos Sport tummelten sich leider "zu viele Politiker": "Und die haben immer noch nicht begriffen, dass die Strukturen dem Sport zu dienen haben – und nicht umgekehrt." In Kosovo gebe es viele Kinder mit Interesse am Schwimmen, aber kaum Bedingungen, ihr Talent angemessen zu fördern, sagt Astrit Haliti, der Generalsekretär des Schwimmverbands FNK. 70 Prozent der Kosovaren könnten nicht schwimmen. Aber die Politiker glaubten, dass Schwimmbäder ein Luxus seien.

Ein historischer Moment

Jetzt ist ein Anfang gemacht. Ruhig durchpflügt die künftige Olympionikin das Wasser. Doch trotz des vom Vater ermöglichten Trainingspools blickt Rita Zeqiri zwar freudig, aber auch nervös der Reise nach Rio entgegen. Für sie sei es eine "große Ehre" bei Kosovos Olympiapremiere dabei zu sein, sagt die Delphin- und Rückenspezialistin, auch wenn sie nur selten auf einer 50-Meter-Bahn wie in Rio schwimmen kann.

Doch das Olympiafieber hat nicht nur Rita Zeqiri ergriffen, sondern das ganze Land. Erstmals seit der Unabhängigkeit 2008 wird Kosovo mit eigener Flagge und eigenen Team bei den Olympischen Spielen vertreten sein. Von einem historischen Moment spricht Besim Hasani, der Chef von Kosovos Olympiakomitee. Nicht nur sportlich, sondern auch politisch und wirtschaftlich sei die Olympiateilnahme für Kosovo ein weiterer wichtiger Schritt und sehr wichtig für das Image des Landes. "Es ist ein Ort, wo jeder jeden trifft – und sich weitere Türen öffnen können." Vor den Fernsehschirmen würden drei Milliarden Menschen die Spiele verfolgen. "Nun können wir der Welt zeigen, dass wir Qualitäten haben, die bislang verborgen, blockiert und gestoppt waren – wegen der Politik", sagt Hasani.

Lange versperrte Serbien dem Kosovo den Weg. Serbien erkannte die Eigenschaft seiner Ex-Provinz nicht an, bekam dabei Hilfe von Russland. Da auch die meisten internationalen Sportverbände Kosovo nach der Unabhängigkeit bis auf wenige Ausnahmen die Aufnahme verwehrten, blieb der heimische Sport jahrelang weitgehend isoliert. Entweder traten Kosovos Sportler wie die meisten Profifußballer für andere Staaten an. Oder sie mussten sich international mit der Teilnahme an inoffiziellen Sportmeetings begnügen. Doch die 2014 erfolgte Aufnahme in den IOC sollte dem Staatsneuling verspätet den Weg in 22 internationale Sportverbände ebnen: Als Letzte segneten die Uefa und Fifa im Mai dieses Jahres den Beitritt von Kosovos Fußballverband ab.