Die Fans aus Japan haben sich ein paar Bänder um die Stirn gebunden und sehen aus wie Samurai auf Klassenfahrt. Die aus Indonesien haben diese aufblasbaren Klatschwürste dabei, natürlich in den Landesfarben. Drei Thailänder sind gar in traditionellen Kostümen erschienen, inklusive ihrer spitzen, goldenen Hüte, mit denen es wirkt, als würden sie einen Buddha-Tempel auf dem Kopf balancieren. Ohne große Deko, dafür am lautesten waren die Südkoreaner. Ja, man konnte eine Asienreise unternehmen an diesem Tag im Pavillon 4 des Riocentros, dem Ort des olympischen Badmintonturniers.

Indonesien, Malaysia, Thailand, Japan, Südkorea, Taiwan, Indien, China, Singapur, das sind die großen Badmintonländer. Ostasien halt, könnte man einwenden, nicht mehr als ein regionales Phänomen. Addiert man die Bevölkerungszahlen dieser Länder aber zusammen, versteht man, was der beste deutsche Badmintonspieler Marc Zwiebler neulich meinte, als er sagte, dass die halbe Menschheit Badminton spielt oder sich zumindest dafür interessiert.

Kein Sport ist schneller

Als erstes fällt dieses peitschende Geräusch auf, wenn der Schläger den Ball trifft. Ein schönes Geräusch, satt und bestimmt. Der Luftzug macht auch was aus. Eigentlich aber kommt das Geräusch nur zustande, weil es sich bei dem Spielgerät gar nicht um einen Ball handelt. Bälle sind schließlich rund, dafür muss man nur bei Sepp Herberger nachfragen. Die Bälle beim Badminton, die eben keine Bälle sind, haben einen Kork-Kopf, an dem 16 Federn befestigt sind. Nicht 15, nicht 17, sondern 16. Amateure spielen mit künstlichen Federn, Profis wie bei Olympia mit Gänse - oder Entenfedern. Bevor Tierschützer aufschreien: Es werden laut Hersteller nur Abfallprodukte verwendet, die wegen der Geflügelschlachtung sowieso anfallen.

Diese Bälle mit ihren Federn, die Shuttlecocks heißen, machen Badminton zu einem sehr unterhaltsamen Sport. Und zu einem sehr schnellen. Tatsächlich gar zum schnellsten Sport der Welt. Schneller als Golf, schneller als Tennis, schneller als Eishockey. Der malaysische Profi Tan Boon Heong hat in einem Geschwindigkeitstest einen Federball mit 493 Stundenkilometern geschmettert. Damit steht er im Guinness-Buch der Rekorde. Zwar wird die Höchstgeschwindigkeit unmittelbar nachdem der Ball den Schläger getroffen hat gemessen, danach bremst der Ball duch die Federn schnell ab und kommt wesentlich langsamer beim Gegner an. Aber will hier jemand kleinlich sein?

Badminton ist bei uns Freizeitsport

In Deutschland hat Badminton ein Problem. Es heißt Federball und ist die sommerfrische Picknickversion dieses Sports. In Europa war Federball eine beliebte Freizeitbeschäftigung des höfischen Adels. Und bis heute konnte das Spiel eine gewisse Rosamunde-Pilcher-Haftigkeit nicht abschütteln. Federball spielen adrette Menschen, die an der frischen Luft sein, aber um Himmels Willen nicht schwitzen wollen. Sie spielen im Garten, im Park oder an einem anderen Ort, wo die Welt so ungemein schön ist und sich alle so sehr mögen, dass sie den Kern eines Sports vergessen: den Wettkampf. Beim Federball geht es nämlich nur darum, sich möglichst lang und möglichst anstrengungslos den Ball zuzuspielen, ohne dass er den Boden berührt. Es gibt keine Punkte, alle sind Gewinner. Schon 1830 schaffte die Familie Somerset 2.117 Berührungen, das ist urkundlich erwähnt. Als der Ball herunterfiel, war das Gekreische sicher groß.

Nur England und vor allem Dänemark sind europäische Badmintonhochburgen. Dänemark ist das Ostasien Europas. Von den 29 Goldmedaillen der Olympiageschichte gingen 28 nach Asien und eine nach Dänemark. Am Montag gewann dann auch der Brite Rajiv Ouseph sein Achtelfinale gegen den Indonesier Tommy Sugiarto, der immerhin schon mal Bronze bei einer WM gewonnen hatte. Ein Riesending. Ouseph und seine Trainer konnten es kaum glauben. Auch der Europameister Viktor Axelsen aus Dänemark zog souverän ins Achtelfinale ein. In der Mixed Zone scherzte er auf chinesisch mit den Reporterinnen, die waren ganz entzückt vom großen Blonden. Die deutschen Starter sind übrigens alle schon ausgeschieden.

Auch auf der Pressetribüne sind 90 Prozent der Plätze von Asiaten besetzt. Weil die Inderin V. Sindhu Pusarla ebenfalls ins Viertelfinale einzog, waren auch viele indische Journalisten da. Sehr viele sogar, sonst trifft man die eigentlich nirgendwo. Selbst die Kameramänner, die das Spiel für die olympische Produktionsgesellschaft einfangen, sehen fast durchweg so aus, als würden sie aus Asien stammen. Für diesen Sport scheint es Experten zu brauchen.