Als am Freitag wie vor jedem Footballspiel die Hymne der USA erklang, blieb der Quarterback der San Francisco 49ers demonstrativ sitzen. Gerade läuft die Pre-Season und die 49ers trafen auf die Green Bay Packers. Anschließend erklärte er, dass er nicht für ein Land aufstehen werde, das Schwarze unterdrückt. "Da liegen Leichen in den Straßen und den Tätern passiert nichts", sagte Kaepernick. Seitdem ist die NFL im Aufruhr. Und nicht nur die. 

Einige sehen Kaepernick jetzt auf einer Linie mit Muhammad Ali, der sich aus Protest gegen den Vietnamkrieg weigerte, zur Armee zu gehen und seine Karriere riskierte. Oder mit den Läufern Tommie Smith und John Carlos, die bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko bei der Siegerehrung die Faust zum Black-Panther-Gruß hoben.   

Kapernick ist einer der talentiertesten Footballer. 2013 führte er sein Team in den Superbowl, 2014 scheiterten sie nur knapp. Kaepernick unterschrieb einen Sechsjahresvertrag, der angeblich 126 Millionen Dollar wert ist. Er ist bekannt für seine spektakulären Alleingänge, die ungewöhnlich für einen Passgeber sind. Sein Arm ist tätowiert mit Bibelversen. Er könnte der perfekte Werbefootballer sein.

Stattdessen stößt er eine Debatte an, die es innerhalb weniger Tage bis zu Donald Trump schaffte. Er riet Kaepernick, sich ein anderes Land zu suchen. Damit wurde Kaepernicks Sitzenbleiben endgültig zum Politikum. Der US-Wahlkampf wird so hart geführt, dass er auch vor dem Sport nicht anhält.      

Kurz vor den Wahlen im November verlässt einer der bekanntesten Spieler im beliebtesten Sport der USA seine Rolle. Das ist in etwa so, als hätte Thomas Müller vor dem Bundesliga-Auftakt am Freitag die Kanzlerin wegen der Flüchtlingspolitik kritisiert. Seit Freitag zeigt sich, das auf dem Feld kein Entertainer mehr steht, kein Gladiator, der sich nur dem Zirkus verpflichtet fühlt, sondern ein politisch denkender Mensch mit einem Anliegen.

Für die NFL ist das neu. Politische Äußerungen der Spieler stehen in keinem Stadionheftchen. Die Zuschauer sollen sich amüsieren, ihr Team feiern, Sachen kaufen. US-Sport eben. Sportler sollen Produkte verkaufen, keine politische Meinung. So wollen es die Sponsoren. Einer der größten US-Sportler aller Zeiten, Michael Jordan, hätte jede politische Debatte anstoßen können, doch er schwieg und strich auch deswegen seine Millionen von Nike ein.

Der Spielmacher der Green Bay Packers, Aaron Rodgers, sagte Anfang des Monats, das einige der NFL-Spieler wohl Angst vor den Konsequenzen haben und deshalb schweigen würden. "Sie könnten mit ihrer Popularität ansonsten einen Dominoeffekt auslösen", sagte Rodgers. Äußerst sich einer der Spieler wie Seattles Michael Bennett im vergangen Dezember mit einem Satz wie "Ich werde für Bernie Sanders stimmen", und einer anschließenden Erklärung seiner politischen Haltung, gilt das als spektakuläre Ausnahme.

Einige Footballprofis brechen damit. 2014 wärmte sich Clevelands Johnson Bademosi mit einem "I can't breathe"-Shirt auf. Der Satz wurde berühmt, weil es die letzten Worte des unbewaffneten Schwarzen Eric Gartner waren, bevor er im Würgegriff eines Polizisten starb.