Manche nennen das, was in Rio die nächsten zwei Wochen passiert, Olympische Spiele. Für die anderen ist es die Leistungsschau der Pharmaindustrie. Gedopt wurde bei Olympia immer. 1908 torkelte ein Marathonläufer ins Ziel, nachdem er Strychnin genommen hatte, mit einem Schuss Brandy. Heute geht es professioneller zu. Und diesmal sicher noch intensiver, weil das IOC durch sein Schulterzucken gegenüber Russland die Sache ja mehr oder weniger freigegeben hat. Doch was nehmen die Sportler eigentlich genau? Gibt es Aufsteiger unter den Pillen, sind andere Mittelchen out? Wir haben uns in der Szene umgehört und die aktuellen Dopingcharts gecheckt.

Was ist der Evergreen?

Anabolika sind immer en vogue. Anabole Steroide finden Dopingfahnder am meisten, auch bei den Nachtests der Spiele von Athen (2004) oder Turin (2006). Anabolika ermöglichen Kraftzuwachs, vor allem auch eine bessere Regenerationsfähigkeit. Man kann mehr, öfter und härter trainieren, weswegen sie auch im Radsport beliebt sind, der Dopingavantgarde im Sport. Sie sind deswegen so beliebt, weil ihre Wirksamkeit belegt ist. Es gibt vereinzelte Studien. Und ganz viele Erfahrungsberichte von euphorischen Sportlern. Anabolika sind zudem leicht zu beziehen. Sie sind zwar verschreibungspflichtig, aber die Szene kennt genügend Ärzte, die sich für eine gefälschte Diagnose nicht zu schade sind. Auch im Internet kann man die Pillen bestellen.

Der Klassiker unter den Anabolika ist Testosteron, das männliche Sexualhormon. Aber auch Stanozolol lässt sich oft im Urin der aktuellen Sportlergeneration nachweisen. Damit wurde Ben Johnson 1988 nach seinem Weltrekord über 100 Meter erwischt. Selbst das Kultsteroid Oral-Turinabol ist wieder in. Mit den "blauen Blitzen" aus dem VEB Jenapharm schrieb die DDR Sportgeschichte. Gemäß Staatsplan 14.25 dopte sie ihre Athleten unter der Aufsicht der Stasi an die Spitze der Medaillenspiegel. In Jena wird OT nicht mehr hergestellt, aber Websites mit chinesischer Länderkennung verkaufen es kiloweise.

Was nimmt man sonst noch?

Epo ist beliebt, womit man die roten Blutkörperchen erhöht. Seit das Patent abgelaufen ist, gibt es viele Varianten. Im Vorjahr wurden zwei Radprofis mit FG 4592 erwischt, das den gleichen Wirkstoff enthält. Eine schöne Wirkung erzielt der Sportler auch mit dem Wachstumshormon, meist HGH abgekürzt (Human Growth Hormone). Das macht Muckis. Man muss es spritzen. Der ambitionierte Athlet kann zu Growth Hormone Releasing Peptides greifen, einem Peptid, das die Produktion des körpereigenen Wachstumhormons anregt. Stimulanzien, also Aufputschmittel, erhöhen die Aggressivität und die Wachsamkeit, sind nur im Wettkampf verboten. Ephedrin, Kokain oder Koffein sind in Mode, haben Strychnin längst abgelöst. Und die Wehrmachtdroge Pervitin ist so was von 20. Jahrhundert. Und mit verschleiernden Substanzen, etwa Diuretika, macht man den Dopingjägern das Leben schwer.

Was nimmt man nicht mehr?

Eigentlich wird geschluckt und gespritzt, was da ist. Aber es gibt vereinzelte Absteiger. Meldonium zum Beispiel, die Arznei für Leute mit Herz- und Kreislaufproblemen. Unter den Sportlern Russlands und anderen ehemaligen Sowjetstaaten scheint es viele zu geben, etwa der Tennisstar Marija Scharapowa. Jedenfalls wurden Anfang des Jahres einige damit überführt. Man muss dazu sagen, dass die Wada es erst seit Januar als Doping einstuft. Vor allem ist das Mittel aber in Ungnade gefallen, weil Sportler schockiert feststellen mussten, wie lange es nachweisbar ist. Aus dem gleichen Grund ist Hydroxyethylstärke (HES) out. Auch muss man zu große Mengen davon nehmen, damit es wirkt. 2001 wurden damit gleich sechs finnische Skilangläufer ertappt. HES selbst steigert wohl nicht die Leistung, kaschiert aber Blutdoping und die Einnahme von Epo.

Auch das Kälbermastmittel Clenbuterol, womit Katrin Krabbe 1992 aufflog, nimmt der aufgeklärte Sportler nicht mehr. Es ist zu leicht und zu lange nachweisbar. Allerdings findet man Spuren immer wieder in den Proben. Das sind wohl Unfälle. In Mexiko oder China wird dieser Stoff illegal in der Tierzucht eingesetzt. Wer dort Steaks isst, riskiert, kontaminiert zu werden. So erging es dem deutschen Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov vor sechs Jahren. Normalerweise sind Sportler sehr kreativ in ihren Doping-Erklärungen, aber das war wirklich keine Ausrede.

Was eignet sich für wen?

Epo ist gut für die Ausdauer. Anabolika schätzt der Kraftsportler. Der 100-Meter-Läufer bevorzugt Anabolika und das Wachstumshormon, der Kampfsportler das Aufputschmittel. Und manche nehmen alles. Doping ist aber auch eine Frage des Preises. Epo und Anabolika sind billig. Die Patente sind abgelaufen, es gibt Nachahmer mit gleichem Wirkstoff. Anabolika sind Arme-Leute-Drogen. Der Besserverdienende hingegen nimmt Designer-Präparate, sie sind schwer nachweisbar. Eine Kur bei Victor Conte und Eufemanio Fuentes, den Frankensteins des Sports, konnte schon mal weit mehr als 50.000 Euro kosten. Das ist jetzt nichts für einen x-beliebigen Kajakfahrer.

Gibt es Nebenwirkungen?

Allerdings. Von Anabolika bekommen Männer Haarausfall und weibliche Brüste. Frauen wachsen Bärte, sie bekommen tiefere Stimmen. Vor allem aber schädigen Anabolika die Leber, Herz und Gefäße und der Blutdruck steigt. Vom Wachstumshormon bekommt man Pickel, es lässt auch Knochen und Kiefer größer werden, weswegen man 30-Jährige mit Zahnspangen sieht. Aber auch innere Organe werden größer, es bilden sich Tumore. Epo kann zu Thrombosen und Bluthochdruck führen. Als es in den Neunzigern modern wurde, starben einige Radsportler kurz nach ihrer Karriere. 

Manche Sportler sind so heiß auf den Stoff, dass sie sich die Drogen vor der Markteinführung besorgen und reinziehen. Vor GW 1516 musste die Wada nach den Spielen in Peking (2008) warnen. Man fand Packungen in Mülleimern von Mannschaftshotels, dabei wurde das Präparat nie klinisch zugelassen, bis heute nicht. Bei Testtieren kam es zu Tumorbildungen. Doping tötet. Doch die medizinische Nebenwirkung ist für viele Athleten auch nebensächlich, im Vergleich mit der glänzenden Hauptwirkung, der am Hals baumelnden Medaille.