Früher wurden Frauen vor Wettkämpfen auf ihr Geschlecht überprüft, indem sie sich ausziehen mussten. Um Athletinnen diese Entwürdigung zu ersparen, wurde die Praxis abgeschafft. Ab 2011, maßgeblich durch den Fall Semenya motiviert, zog die IAAF den Testosteronwert heran. Seit dieses Kriterium aber verworfen wurde und die Entscheidung auch durch das IOC akzeptiert wird, gibt es in Abwesenheit neuer Regelungen nun eine Dreiteilung: Während Frauen mit typischem Testosteronwert diesen weiterhin nicht künstlich erhöhen dürfen (das wäre Doping), müssen Transfrauen ihre Werte künstlich senken (ohne dies gilt es wie Doping). Frauen mit natürlich hohen Werten aber dürfen diese beibehalten.

"Besser wäre es, wenn sich alle Frauen in einer bestimmten Bandbreite von Testosteronwerten aufhalten müssen", sagt Joanna Harper. Allerdings käme dann auch die Frage auf, wann und wie man die Werte messen sollte. Ein Ergebnis einer Studie, auf der die Rechtsstreitereien zu einem großen Teil basieren, stellte Testosteronwerte von Athleten in ein Verhältnis mit deren Wettkampfleistungen. Dabei fiel auch auf, dass ein Großteil der stärksten männlichen Sportler sehr geringe Testosteronwerte hatte.

Testosteron wird ein Kriterium für Talentscouts

"Viele Befürworter der jetzigen Regelung argumentieren auf der Grundlage, dass Testosteron und Wettkampfleistung nicht allzu stark miteinander zusammenhingen, sodass Intersexfrauen ihre Werte auch nicht senken müssten." Allerdings hält Harper die geringen Werte der männlichen Sportler für erklärbar: "Wenn man Steroide nimmt, hört der Körper auf, Testosteron zu produzieren. Wahrscheinlich war die Studie also auch ein Hinweis darauf, dass viel gedopt wird."

Langfristig ist auch nicht ausgeschlossen, dass weitere Sportarten von der Regelung betroffen werden. Da hohe Testosteronwerte überall hilfreich sind, wo körperliche Anstrengungen über Sieg oder Niederlage entscheiden, könnten zukünftig auch Talentscouts dieses Kriterium miteinbeziehen. "Nachwuchsathleten werden immer früher auf alle möglichen Kennzahlen vermessen. Mädchen mit hohem Testosteron könnten mehr Förderung erfahren", glaubt Joanna Harper. Ob das fair wäre oder nicht, ist schwer zu beurteilen. Aber den Sport nach seinen heutigen Kriterien würde es wohl verändern. Die besten Startvoraussetzungen würden stärker darüber entscheiden, wer am Ende auf dem Treppchen steht.